• Hallo Fremder! Neu im Forum?
    Habe ich dich hier schon mal gesehen? Um dich hier aktiv zu beteiligen, indem du Diskussionen beitrittst oder eigene Themen startest, brauchst du einen Forumaccount. REGISTRIER DICH HIER!

Tote Schwaben können's besser (eine Geschichte)

Alidona

Schüler der Zwerge
:)

Treffpunkt Parkplatz, zwei Tage danach

"Wo Gregor wohl bleibt?" Egon Triebentorf stellte die Frage. Gereizt hängte er sich über den Lenker seines Motorrads und sah sich mit wildem Blick um.
Phillip Baumgartner zuckte die Schultern. "Normalerweise ist er immer pünktlich. Wenn er bis in einer halben Stunde nicht da ist, fahren wir zu."

Die Gruppe hatte sich diesmal an einem anderen Treffpunkt getroffen. Der Parkplatz hinter dem Bahnhof wurde ihnen allmählich zu heiß. Die letzte Zeit war in Plattling und auch in anderen Städten viel Polizei unterwegs und kontrollierte. Jeder von ihnen wusste, warum.
Sie waren zu siebt. Winnie Kahlmann war auch wieder dabei. Allmählich ging ihm dieses Doppelspiel an die Substanz, doch er wusste, dass es notwendig war. Wenn der Plan aufgehen sollte, durfte die Bande nichts merken.

"Wo hast du heute Tamara gelassen?", fragte er Phillip und sah in die Runde. Einige neue Gesichter waren hinzugekommen.

Einen Moment lang fragte er sich, wie sie rekrutiert worden sind und war schon im Begriff, nachzuhaken, doch dann ließ er es doch lieber sein. 'Neugier ist der Katze Tod', dachte er, band sich seinen Nierengurt um und setzte sich rittlings auf seine Yamaha.
"Tamara wartet in der Waldhütte auf uns", antwortete Phillip. "Sie macht ein bisschen Vorarbeit." Der Anführer der Wildererbande wandte sich an Egon: "Gut, dass du uns Bescheid gesagt hast. Habt Ihr den Mistkerl gefunden?"
Egon verneinte. "Ich war selbst nicht mit unten, aber meine Kollegen haben ein Handy gefunden. Das war bestimmt seins. Aber gut, dass du mich dran erinnerst. Morgen ist noch ein Tauchgang geplant."
"Diesmal gehst du gefälligst mit runter", fuhr Phillip ihn an. "Wir müssen sicher gehen, dass er nicht irgendwann wieder auftaucht." Wütend setzte er sein Motorrad in Gang und ließ brachial den Motor aufheulen.

"Willst du schon fahren?", fragte eine helle Männerstimme aus der Gruppe heraus.

Phillip sah auf seine Smartwatch. "Nein, noch nicht. Ich reagiere mich nur ein bisschen ab." Er grinste widerwillig und stellte den Motor wieder ab. "Wir warten noch! Gregor kennt einige Tricks, wie wir die Viecher am besten erwischen."
Die Abendsonne brach sich schüchtern durch dichtes Blätterwerk alter Laubbäume um die Gruppe herum. Sie hatten sich für einen abgelegenen Parkplatz in der Nähe von Schaufling entschieden, und von hier aus waren sie vom Ziel nicht weit weg.

Winfried Kahlmann stieg einstweilen noch einmal ab und entfernte sich von der Gruppe. Als Egons Blick misstrauisch wurde, machte er mit einem Handzeichen ein dringendes Bedürfnis geltend.
Der Mann grinste und ließ ihn ziehen. Winnie verschwand hinter die Büsche. Dort holte er sein Handy hervor und simste Mick an. "Oben in den Bergen ist eine Hütte. Dort wirst du uns finden." Er wusste, dass er keine Antwort erhalten würde - außer im Notfall.
Geistesgegenwärtig löschte er den Ausgang, steckte das Gerät wieder ein und erleichterte sich. Dann ging er wieder zu den Anderen zurück und drückte sich in der Nähe des Anführers herum. Er erwartete ein ganz bestimmtes Ereignis, doch das ließ auf sich warten.
Nach einer Weile wurde Winnie nervös. Wenn Gregor nicht bald anrufen würde, dann hätten sie ein ernstes Problem. Er schlich wie ein Tiger auf der Pirsch um Phillips Motorrad herum.
Dieser wurde aufmerksam. "Ist was?", fragte er barsch. Seine Körperhaltung wechselte von flegelhaftem Gefläze in aufrechte Vorsicht. Sein Blick wurde drohend.
"Hei Kumpel, guck nicht so finster", wiegelte Winnie ab und zuckte demonstrativ vor ihm zurück. "Mir ist nur langweilig, und ich hoffe, dass Gregor bald kommt. Wir sollten allmählich los, bevor es ganz dunkel wird."
Das Stimmengewirr im Hintergrund verstummte, und fünf Augenpaare starrten zu ihnen herüber. Phillip sah Winfried Kahlmann fest in die Augen: "Willst du dich aufspielen? Wenn hier irgendjemand sagt, wann wir losfahren, bin ich das."
Egon kam hinzu, stellte sich zwischen die beiden und flüsterte Phillip etwas ins Ohr. Dieser schüttelte den Kopf, winkte ab und gab das Zeichen zum Aufbruch. Die ersten Motoren heulten im Hintergrund auf.
Winnie stand der Schweiß auf der Stirn. Die Warterei auf einen Anruf, der nicht einmal ihm galt, machte ihn fertig. Was, wenn etwas schiefgegangen war? Sie hatten alles bis ins kleinste Detail abgesprochen - es durfte nichts schiefgehen. Verzweifelt überlegte er, wie er die Abfahrt verzögern könnte. Er war schon versucht, einfach die Runde zu machen und die Luft aus den Reifen zu lassen, doch dann musste er vor sich selbst zugeben, dass ihm der Mut dazu fehlte.
"Geh zu deinem Motorrad!", befahl Phillip und startete seine Maschine. Er setzte beide Beine auf den Boden, und Winnie wusste, dass es keine Umkehr mehr gab.
Resignierend trat er den Rückzug an und ging zu seinem Fahrzeug. Es war nicht weit von Phillips entfernt. Unter seinem scharfen Blick saß er auf und nestelte umständlich an seinen Stiefeln, um noch etwas Zeit zu gewinnen.
Phillip setzte sein Motorrad in Gang und fuhr auf ihn zu. "Wird's heute noch was?", fragte er, als er direkt neben ihm stand. Misstrauen glomm in seinem Blick auf.
Winnie machte eine beschwichtigende Handbewegung und startete, noch immer hoffend, dass ein Wunder geschah. Zwar war es Teil des Plans gewesen, die Bikergruppe so lange wie möglich aufzuhalten, doch ihm war mulmig geworden.
Als aus Phillip Baumgartners Brusttasche ein durchdringender Klingelton schallte, war Winfried Kahlmann versucht, lautstark zu seufzen. Sein Blick wurde lauernd.
Der Anführer der Wildererbande fuhr langsam ein kleines Stück von ihm weg, hielt am Parkplatzrand an und nestelte an seiner Jacke. Die anderen Männer gruppierten sich um ihn herum und schienen auf ihn zu warten.
Phillip stellte den Motor ab und nahm das Gespräch an. Seine Mimik verriet eine Bandbreite von Ärger bis Ratlosigkeit. Nach ein paar gewechselten Sätzen steckte er das Handy zurück in die Tasche und gab dem Rest der Gruppe Bescheid: "Wir können fahren. Gregor kommt nicht mehr. Er ist ausgestiegen und befindet sich im Urlaub auf Ibiza."

Fortsetzung folgt ;)
 

Alidona

Schüler der Zwerge
;)

Unterdessen ...

Weit unter ihr lagen die rotglänzenden Dächer Neuschönaus, die untergehende Sonne am Horizont. Der Himmel glühte in verschiedenen Farben. Ihre langbeinige Gestalt schälte sich dunkel aus der Walddämmerung.
Ein heißer Sommerwind strich durch die Wipfel der Bäume und umschmeichelte ihr schmales Gesicht. Tamaras hüftlangen Haare flatterten leicht und schimmerten so schwarz wie die Schwingen des Raben, der auf einem Ast über ihr saß. Sein Krächzen hallte als einsames Echo durch die friedliche Stille des Abends.
Dennoch wirkte Phillip Baumgartners Freundin nervös. Ungeduldig blickte sie auf die kurvigen Landstraßen herab, die sich in der Ferne zu einem staubigen Asphaltband verbanden. Angestrengt lauschte sie und erhoffte das Geräusch von Motoren, das die Ankunft von Phillip und seinen Mannen ankündigen würde.
Stattdessen hallten nur die Glocken vom gegenüberliegenden Kirchturm herüber und sagten ihr die volle Stunde an. Automatisch zählte sie mit: Acht Uhr abends, und ihre Leute waren bereits über eine halbe Stunde zu spät.
Sie selbst war mit ihrem Auto und einem Tieranhänger gekommen. Das Fahrzeug stand zirka einen Kilometer von ihrem jetzigen Standort entfernt gut versteckt auf einem Waldweg und enthielt lebendige Fracht, die als Köder für Luchse herhalten sollte.
Die Zeit verging wie im Flug, und das Licht des Waldes wandelte sich allmählich in ein undurchdringliches Grau. Die Bäume um sie herum wurden zu beweglichen Schatten. Laub raschelte, und sie vernahm ein leises Grollen. Sie dachte an ein Gewitter und blickte irritiert in den Himmel, doch dieser war nach wie vor klar. Allmählich kamen der Mond und die ersten Sterne hervor und glimmerten schüchtern in die untergehende Sonne.
Ihr Gesicht bekam einen grausamen Zug, als sie das klägliche Meckern einer Ziege vernahm. Das Tier hatte Angst. Mit kalt glitzernden Augen blickte die 31-jährige Frau hinter sich und vergewisserte sich, dass sie noch angepflockt war. Dann bückte sie sich nach ihrem Gewehr und verschwand zwischen zwei Bäumen.
Von einem Felsen herab erscholl der Schrei einer Hyäne. Tamara vermeinte, schleichende Schritte zu hören und spähte vorsichtig durch die eng beieinanderstehenden Stämme. Ihr Herz begann, ängstlich zu klopfen.
Das Grollen kam näher. Die kleine Ziege riss an ihrem Strick, ihr klägliches Meckern wurde allmählich panisch. Tamara Biesenkopf huschte auf die andere Seite der Lichtung und verlor sie aus den Augen. Noch einmal hörte sie den lauten Schrei einer Hyäne - und dann war es ruhig.

Nur unwesentlich später störte lautes Motorengeräusch die friedliche Dorf-Idylle. Entrüstet blickte eine alte Bäuerin die Straße hinunter und scheuchte ihre gackernden Hühner zurück in den Hof. Die Frau sah sie kommen!
Kurz darauf donnerten sieben Motorräder an ihr vorbei. Der Fahrtwind zerrte an ihrem Kopftuch und wirbelte ihren derben Trachtenrock um ihre Beine. Ein Hund bellte wütend in der Nachbarschaft, und Kinder rannten schreiend hinaus auf die Straße. Das Röhren der Motoren verklang schnell in der Ferne. Die Frau blickte ihnen lang hinterher, bis die Maschinen ihrem Blickfeld entschwanden.
Während die Bäuerin allmählich ins Haus zurückging, waren die Biker am Ziel angelangt. Sie stellten ihre Motorräder zwischen die Bäume und machten sich zu Fuß auf den Weg. In einer verlassenen Hütte war für alles gesorgt, doch sie hatten noch einen längeren Marsch vor sich.

Unterdessen sprachen sie kaum. Phillip hatte sich für Trampelpfade abseits der Wanderwege entschieden, um jegliches Risiko durch unliebsame Begegnungen mit Touristen zu vermeiden. Hochkonzentriert kämpften sich die Männer durchs Dickicht und kletterten höher und höher. Ungeplant früh brach die Nacht über die Gruppe herein.
Ein Ruf des Anführers stoppte die Gruppe. Phillip Baumgartner scharte seine Leute zwischen den Felsen um sich und gab einen knappen Befehl. Nach ein paar halblaut gemurmelten Einweisungen geisterte Taschenlampenlicht durch den Wald, und der Treck setzte sich erneut in Bewegung. Winfried Kahlmann hielt sich abseits und bildete den Abschluss der Reihe. Er machte sein Licht gleich wieder aus, setzte sich ab und schlitterte einen kleinen Abhang hinunter. Laub knisperte leise um ihn herum.
Unten angekommen versteckte er sich zwischen den Bäumen und wartete auf sein Signal. Als der Ruf einer Eule erklang, wartete er einen kleinen Moment, setzte die Hände trichterförmig neben den Mund und gab ihr Antwort.
Winnie schaltete seine Taschenlampe an, schirmte das Licht etwas ab und setzte sich in Bewegung. Mick wartete bereits in einer Höhle auf ihn. Als er ankam, überreichte er ihm eine Pistole mitsamt Ersatzmagazin und mahnte: "Pass auf, dass sie niemand findet. Nur für den Notfall!"

Er nickte und bedankte sich. "Tamara ist schon länger da", gab er Michael Drehbusch Bescheid. Dieser grinste. "Ich weiß! Habe sie schon gesehen."
"Phillip ist misstrauisch geworden. Er wäre mir am Treffpunkt fast an den Kragen gegangen."

"Deshalb die Waffe. Nun schau zu, dass du wieder zurück kommst." Mick schlug Winnie kumpelhaft auf die Schulter. "Aber sei vorsichtig, dass sie nichts merken. Die sind mit allen Wassern gewaschen." Er drückte seinem Kollegen ein fingergroßes Gerät in die Hand. "Bevor du es aktivierst, warte, bis Ihr bei der Lichtung seid."
Winnie zögerte. Ein eiskalter Schauer lief ihm über den Rücken. Er wusste genau, wie gefährlich ihr Vorhaben für alle war, und er hoffte, dass er seine Rolle nicht eines Tages bereute. Andererseits war er froh, dass Phillip und seine Mannen einen Denkzettel erhalten würden.

Sein Kollege spürte die Angst. "Ich passe schon auf, dass dir nichts geschieht. Jürgen soll nicht umsonst gestorben sein, vergiss das nie!"

Winnie sah einen Moment lang betreten zu Boden. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verließ die Höhle. Draußen wandte er sich nach rechts, ließ zwei Baumgruppen hinter sich und lauschte nach Stimmen, um den Standort der Gruppe zu orten.
Geschmeidig wie eine Katze - und genauso leise - kletterte er einen weiteren Abhang hinauf und begab sich wieder an das Ende des Trecks. Er schaltete seine Lampe an, drängelte sich an zwei Männern vorbei und rief Phillip demonstrativ zu: "Geht das nicht schneller?"

Fortsetzung folgt
 

Alidona

Schüler der Zwerge
Neues Kapitel: Gegenhund.org

Helene Mantwied merkte sofort, dass jemand in der Wohnung gewesen war, als sie am Abend nach Hause kam. Die Zeit nach ihrem Besuch auf der Wache hatte sie in der Detektei verbracht, um den Anschluss nicht komplett zu verlieren. Von ihrem Kater war nichts zu sehen, und behutsam zog sie die Tür wieder von außen zu. Dann ging sie zum Auto zurück, um ihren Elektroschocker zu holen.
Mit ängstlich zitterndem Herzen erklomm sie erneut die Treppe zum ersten Stock. Vorsichtig drückte sie sich an die Wand links neben ihrer Wohnungstür, darauf vorbereitet, einem eventuellen Eindringling gegenüberzustehen. Nach einer Weile drückte sie ihr Ohr gegen das Holz und lauschte angestrengt, doch es blieb ruhig.
Flüchtig dachte sie daran, die Polizei anzurufen. Ein unbestimmtes Gefühl hielt sie jedoch davon ab. Die Tür wies keinerlei Spuren eines gewaltsamen Eindringens auf.
Einen Moment erfüllte sie Hoffnung. Schnell schlüpfte sie aus ihren Schuhen und schloss leise auf. Helene ließ offen und schlich auf Zehenspitzen bis hinein in den Flur. Sie spähte in jedes Zimmer.
Nachdem sie erkannte, dass niemand da war, machte sie die Tür hinter sich zu, betrat das Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. Gizmo kam maunzend aus einem Regalfach gesprungen und strich ihr um die Beine. Sie nahm ihn hoch und flüsterte ihm ins Ohr: "Da bist du ja."

Ihr Kater schmuste sie an und sprang auf den Tisch. "Gehst du da runter?", schimpfte sie und wollte ihn gerade vertreiben, als ihr ein Briefumschlag auffiel. In dem Moment wusste sie, dass sie sich nicht getäuscht hatte: Jemand war in der Wohnung gewesen. Resolut nahm sie Gizmo im Nacken und setzte ihn zurück auf den Boden.
Ihr Herz raste, doch zu ihrer eigenen Verblüffung verspürte sie keine Angst. Mit zitternden Fingern öffnete sie den Umschlag, der weder Adresse noch Absender aufwies, und Helene entnahm ihm einen Bogen Papier. Es war ein unsignierter Computerausdruck.
Mit gemischten Gefühlen las sie, was darin stand: "Du mochtest doch schon immer den Film Bonny und Clyde. Nun kannst du beweisen, was in dir steckt. Ps: Fiedlers sitzen bestimmt noch immer beim Grillen."
Ein erleichtertes Lächeln erhellte ihr bleiches Gesicht, das noch immer die Spuren der Trauer trug. Sie erhob sich, holte Zündhölzer und ging mit Brief und Umschlag hinaus in die Küche. Dort warf sie beides in die Spüle, zündete es an und spülte die Asche den Gulli hinab.

***

Wieder im Wald ...

Phillip vernahm Winnies Zuruf. Genervt drehte er sich um und leuchtete mit seiner Taschenlampe in den Rest der Gruppe hinein. Dieser Kahlmann ging ihm allmählich ganz schön auf den Sack.
Egon - der neben ihm war - bekam es mit und gab ihm einen kleinen Schubs: "Lass gut sein. Wir haben nicht genug Zeit, um uns untereinander zu prügeln. Außerdem hätten wir es ohne ihn wesentlich schwerer, an die Standort-Daten der Luchse zu kommen."
Egon Triebentorf war so ziemlich der Einzige, der so mit Phillip Baumgartner umgehen durfte. Sie kannten einander schon etliche Jahre und waren miteinander zur Schule gegangen. Die beiden waren die Gründerväter der Seite "Gegenhund.org".
Seit zwei Jahren trugen sie das Logo von Agricom - und verfochten auch deren Ziele. Deshalb hatten sie sich nichts dabei gedacht, als Winfried Kahlmann zu ihnen stieß. Die Clique scannte ihn ab und schickte ihn durch die obligatorischen Prüfungen, und seitdem war er dabei. Allerdings war es schon ein paar Mal zu Auseinandersetzungen mit dem Oberhaupt der Bande gekommen.
Diesmal ließ Phillip es auf sich beruhen und hörte auf Egons mahnende Worte. Einen kleinen Seitenhieb konnte er sich dennoch nicht ganz verkneifen. "Das sind mir die Rechten. Erst hinten herum bummeln, und dann die Klappe aufreißen, dass es nicht schnell genug geht!", rief er nach hinten. An Egon gewandt, fuhr er fort: "Wenn Gregor uns nicht versetzt hätte, wären wir schon wieder daheim."
Winnie atmete auf. Sein kleiner Ausflug blieb unentdeckt. Er rückte noch ein paar Meter auf, bis er an dritter Stelle war. Dort klemmte er sich neben einen Mann um die Vierzig und gab sich leutselig, während die Gruppe eine Felsentreppe erklomm. "Das erste Mal hier?"
Sein Nachbar knurrte ein paar undefinierbare Worte, aus denen man durchaus ein "Ja" hören konnte. Winnie grinste über den Grantler und fragte weiter: "Und? Wissen Sie schon, was wir hier machen?"

"Waldspaziergang, nehme ich an." Missmutig stapfte der Mann ein bisschen schneller und versuchte, dem Neugierling schnell zu entkommen.

Winfried Kahlmann ließ sich nicht abschütteln und griff wie eine Spinne nach seiner Beute. Er holte auf und stellte sich vor: "Ich bin der Winnie. Winfried Kahlmann, genauer gesagt. Darf ich fragen, wie Sie heißen?"

"Nö!", antwortete der Neue knapp. Wie alle anderen trug auch er eine Lederkluft. Mit einer unwirschen Geste griff er in seine Tasche und zog daraus ein übergroßes Taschentuch. Er schneuzte hinein und warf es zu Boden. In einem Gestrüpp blieb es hängen.
Plötzlich stand Phillip bei ihnen. Barsch fuhr er den Unvorsichtigen an: "Was fällt dir ein? Wir machen hier keine Schnitzeljagd!" Er pflückte das Taschentuch vom Strauch, packte den untersetzten Mann im Nacken und stopfte es ihm grob in den Mund.
Diesem stand binnen Sekunden der Schweiß auf der Stirn. Bernd Bieber drückte sich gegen den Klammergriff des Anführers und duckte sich unter ihm weg. Angeekelt spuckte er das benutzte Taschentuch aus. "Immer mit der Ruhe!", nuschelte er. "Ich habe mir nichts dabei gedacht."

Fortsetzung folgt
 

Alidona

Schüler der Zwerge
Winnie hatte sich wieder ein paar Schritte zurückfallen lassen und beobachtete neugierig die Szene. Etwas an dem von ihm Angesprochenen kam ihm seltsam vor. Normalerweise wurden Phillips Leute vor einem Jagdgang genauestens instruiert, und ausnahmslos jeder - inklusive ihm - befolgte die Regeln. Die oberste war, keine Spuren zu hinterlassen. Der Neue hatte diese gebrochen.
Viel Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, hatte er nicht mehr. Der Treck passierte einen kleinen Felstunnel und war kurz vor dem ersten Etappenziel.
Phillip ging wieder nach vorn, drehte sich um und hob gebieterisch seine Hand. Die Gruppe blieb stehen, und leise gemurmelte Gespräche verstummten. Er winkte Winnie zu s ich. "Wenn wir bei der Hütte sind, bist du heute beim Verteilen dabei. Du verteilst die Gewehre", wies er ihn an und wandte sich an Egon. "Ich nehme die Brillen, und du die Pager. Achte darauf, dass alle ihre Handies abgeben."
Sie gingen weiter. Winnie hatte Gregors Aufgabe übertragen bekommen, und es war ihm mehr als recht. Er quetschte sich zwischen Phillip und Egon und fragte den Organisator: "Habt Ihr Ersatzmagazine?"
"Es ist alles wie immer", bestätigte Phillip. "Tamara hat die Kisten in einem Schacht hinterlegt, mitsamt Munition." Er sprach leise. Dennoch hallte seine dunkle Stimme vielfach verstärkt durch den Tunnel.
Winfried Kahlmann bekam eine Gänsehaut. Er hob seine Taschenlampe, leuchtete unauffällig in die Menge hinein und warf einen Blick auf den Mann, der sich ziemlich auffällig um sie herumschlich und seine Neugierde nur schlecht verbarg. Es war der Grantler, der bereits seinen ersten Zusammenstoß mit Phillip hinter sich hatte.
Die Gruppe ließ den Tunnelausgang hinter sich und kletterte über unebenen Felsgrund auf eine Baumgruppe zu. Der Weg wurde steil und verlangte ihnen alles ab.
Zitternd glitten die Lichtkegel der Halogenlampen an Felswänden und Sträuchern entlang und leuchteten den nachtdunklen Gang fast in Taghelle aus. Ein leiser Wind pfiff zwischen den Steinen hindurch, und Winnie spürte das Vibrieren seines Handies in der Hosentasche. Krampfhaft überlegte er, wie er sich noch einmal absetzen konnte. Niemand aus der Gruppe durfte seine Geräte behalten, und wären sie erst einmal bei der Hütte, würde er es ebenfalls abgeben müssen.
"Phillip", sprach er den Anführer an. "Ich muss nochmal für Königstiger, bevor es losgeht." Er zappelte demonstrativ mit den Beinen.

"Hat das nicht Zeit bis nachher?", fragte dieser in unwilligem Ton. "Wir sind gleich da."

"Ich fürchte, nein!" Er wartete keine Antwort ab und rannte nach links, wo er sich zwischen zwei dichten Tannen versteckte. Dort las er die SMS. Sie war von Mick, wie erwartet. "Wenn du Sirenen hörst, schau, dass du abhaust." Er machte das Handy ganz aus, drehte sich um und nestelte für alle Fälle an seinem Hosenladen herum. Dann ging er zu den Anderen zurück.
Unterdessen fragte er sich, was ihm verborgen blieb. Hinter einem Strauch vor ihm sah er den Grantler verschwinden, und als er diesen passierte, hing ein dunkler Stofffetzen dran.
Er ließ ihn hängen und trat noch einmal an Phillip heran. "Meinst du, wir können allen vertrauen?", fragte er leise.

Erstaunt sah dieser ihn an. "Das wird sich heute noch weisen", antwortete er. "Alle, die da sind, wurden vorgescannt. Alles im Lack! Aber nett, dass du besorgt bist."
Seine letzten Worte klangen hämisch. Winnie behielt seine Beobachtungen für sich, hakte jedoch noch einmal nach: "Wer sind die alle?" Dabei wies er mit dem Kopf nach hinten.

"Das geht dich nichts an", fuhr Phillip ihn an. "Hauptsache, ich weiß es, und nun gib Ruhe."

Winnie ließ es auf sich beruhen. Lakonisch zuckte er mit den Schultern und antwortete gleichgültig: "Ganz wie du meinst." Dann klemmte er sich noch einmal hinter den Grantler, wie er Bernd Bieber - unbekanntermaßen - insgeheim nannte. Er ließ es wie Zufall erscheinen und kletterte stumm neben ihm her. Allmählich zog er seine Schlüsse.
"Wir sind da", rief Phillip nach hinten und verschwand mit Egon in einer Baumgruppe. Zwischen den Zweigen lugte ein Zaun aus schmalen Baumstämmen hervor.
Die Gruppe folgte den beiden Männern und stand kurz darauf vor einer bemoosten Blockhütte, nur unwesentlich größer als ein Geräteschuppen. Sie stand zwischen drei Tannen und wurde halb von wildem Efeu verdeckt. Auf den Längsseiten des Grundstücks standen sechs erloschene Fackeln. Der Anführer setzte diese in Brand und befahl den Männern, am Eingang zu warten.
Egon drehte sich um und winkte Winnie zu sich. Phillip öffnete eine große Falltür im Boden, sprang in eine ausgemauerte Grube und reichte eine kleine Kiste nach oben. Winnie nahm sie ihm ab und stellte sie auf einen Tisch aus Holzblöcken, öffnete sie und überprüfte den Inhalt. Sie enthielt Munition und Ersatzmagazine.
Bernd Bieber gesellte sich zu Egon und schaute ihnen neugierig zu. Phillip streckte seinen Kopf aus der Grube und schickte ihn zurück zu den anderen drei Männern, die etwas verloren vor dem Zaun herumstanden. "Das hier ist Hoheitsgebiet", erklärte er in gespielt hochnäsigem Ton. "Und am Besten, Ihr vergesst ganz schnell wieder, was Ihr hier seht."
Ein etwas kleineres Muskelpaket starrte zu ihnen herüber und machte ein betretenes Gesicht. "Vertraust du uns nicht?", wagte der Mann, ihn zu fragen.
Ralf Mischkowski war ebenso wie seine anderen drei Jagdgefährten das erste Mal dabei. Vorher hatten sie zwei Wochen Trainingscamp durchlaufen müssen, und nun war er gespannt, wie das in der Praxis ablaufen sollte.
Phillip hielt es nicht für nötig, dem Mann zu antworten. Er zuckte nur mit den Schultern und verschwand erneut in der Grube, nicht ohne dem Grantler noch einmal einen warnenden Blick zuzuwerfen. Mit widerwilliger Miene schlenderte dieser betont langsam zu den anderen zurück.

Fortsetzung folgt
 

Alidona

Schüler der Zwerge
Winnie grinste in sich hinein und ging zu ihm hin. "Bei Phillip tut man gut dran, sich ein dickes Fell zuzulegen, und vielleicht auch noch ein Päckchen Humor", sprach er ihn an.

Bernd Bieber musterte ihn von oben bis unten. "Was ist Ihre Funktion?", fragte er spöttisch. "Hampelmann?"

"Kahlmann!", brüllte Phillip aus seinem Loch, wie um die Grantler-These zu bestätigen. "Bummle mal nicht so herum und hilf Egon." Mit dem hämischen Gelächter der drei Neulinge im Rücken begab sich der Gerufene zur Grube, nahm eine längliche Truhe entgegen und stellte sie zur Munition.
Phillip und Egon kamen mit zwei weiteren Kisten, welche die restliche Ausrüstung enthielten. Gemeinsam verteilten sie ihr Equipment. Wie befürchtet, landete auch Winnies Handy in einer Kiste. Niemand durfte eine Ausnahme machen, nicht einmal Phillip Baumgartner behielt sein Gerät. Es wäre viel zu riskant, wie der Organisator argumentierte.
"Und ab sofort gilt das Schweigen im Walde", mahnte er die Teilnehmer der geplanten Jagd. "Die Ersatzgeräte für eure Handies setzt nur im Notfall ein, wenn Gefahr für Leib und Leben besteht. Sie sind zugleich mit einem Koordinatensystem ausgestattet, so dass Ihr immer auffindbar seid."
"Und wie verständigen wir uns untereinander?", fragte Mischkowski.

"So wenig wie möglich", antwortete Egon, der das Prozedere kannte. "Sprechen und schreien solltet Ihr euch verkneifen, so wie man euch das im Camp beigebracht hat."
"Wir gehen paarweise", fuhr Phillip fort. "Kahlmann, du nimmst ihn unter deine Fittiche." Er zeigte auf Bernd Bieber, den Grantler. Dieser verzog das Gesicht, und Winnie fragte sich, was er für ein Problem mit ihm hatte. Er war jedoch gleich wieder bei der Sache, legte eine Karte vor sich auf den Tisch und rief ihn zu sich.
Als er dessen Zögern bemerkte, prickelte Wut durch seine Adern. "Was soll der Mist, Phillip?", brüllte er Baumgartner zu. "Ich weigere mich, Kindermädchen zu spielen, mit Amateuren gebe ich mich nicht ab." Aggressiv wirbelte Winnie herum und fuhr den Störenfried an: "Dir ist hoffentlich klar, dass das kein Waldspaziergang wird. Wir jagen auch keine Ratten. Ich frage mich langsam, was du bei uns willst."

Fortsetzung folgt
 

Alidona

Schüler der Zwerge
Der ältere Mann ließ sich nicht darauf ein. Mit eiskalter Gelassenheit ließ er Winnies Wutausbruch an sich abprallen, setzte sich auf die Bank und vertiefte sich ohne ein Wort in die Koordinaten des Waldgebietes. Nach einer Weile fragte er in die Runde: "Wir müssen wieder nach unten? Weshalb so umständlich?"
Phillip Baumgartner stellte sich hinter Winnie und gab ihm eine Kopfnuss. "Stell dich mal nicht so an", befahl er. "Ihr werdet euch schon noch vertragen. Erklär ihm das, was er wissen will." Bevor er wieder zu Egon ging, wandte er sich an Bernd: "Du tust auch gut daran, ein bisschen mehr Enthusiasmus zu zeigen. Bei ihm bist du noch am Besten dran. Unser kleines Weichei fasst dich mit Samthandschuhen an." Grinsend ignorierte er die Entrüstung des Verspotteten.
Winnie besann sich auf die Fragen des Grantlers, nahm einen Kugelschreiber und zeichnete einen Weg auf die Karte. "Wir sind von unten gekommen, wo unsere Motorräder sind. Weiter nach oben zu fahren, wäre zu umständlich gewesen. Zudem hätten wir dann die Wanderwege gekreuzt."
Bernd Bieber nickte verstehend und ritzte geistesabwesend mit einem Jagdmesser ein paar Runen ins Holz des Tisches, an dem sie saßen.

Winnie beobachtete ihn aus den Augenwinkeln und war mehr und mehr davon überzeugt, dass dieser Mann darauf aus war, die Aktion zu sabotieren. Er ließ sich nichts anmerken und zog eine weitere Linie auf der Kartographie. "Nach unten nehmen wir diesmal einen anderen Weg", erklärte er weiter. "Wir müssen dorthin."
Dabei tippte er mit dem Stift auf eine grüne Markierung, die inmitten einer orange gekennzeichneten Fläche lag. Der Grantler furchte seine Stirn, blickte beiläufig auf und warf ein: "Was bedeutet die Einfärbung?"
"Das Gebiet ist akut brandgefährdet. Viel Gestrüpp, abgestorbene Bäume. Für unsere Aktionen die besten Voraussetzungen, weil uns da niemand in die Quere kommt."
Währenddessen machte Phillip mit den Einteilungen weiter. Ralf Mischkowski wurde Egon zugewiesen, und er selbst kümmerte sich um die verbliebenen zwei.
Felix Freitag war noch ziemlich jung und für jeden Blödsinn zu haben. Für ihn war es ein Abenteuer, und er hatte sich noch nicht viel Gedanken darüber gemacht, was sie hier überhaupt taten.
Erste Berührungspunkte mit der obskuren Organisation waren über die Website zustande gekommen, und mit seiner Vorgeschichte bot er die besten Voraussetzungen, sich ins Team zu integrieren. Er hatte sich mit Begeisterung einem Trend angeschlossen und erst Jagd auf kleine Hunde gemacht. Sie waren leichte Beute für ihn gewesen, und nun war er gespannt, wie es war, größere Opfer vor die Flinte zu kriegen.

Das Schweigegelübde, das Felix hatte ablegen müssen, passte ihm zwar nicht so ganz ins Konzept, denn schließlich hätte er gern seinen Freunden von seinen Heldentaten erzählt.

Fortsetzung folgt
 

Alidona

Schüler der Zwerge
Frank Grünewald wiederum war der letzte im Bunde. Er brachte erste Erfahrungen mit und war bereits in mehrere Projekte eingebunden gewesen, als Letztes bei einer Wolfsjagd in Tschechien. Er war ungefähr im gleichen Alter wie Phillip und Egon, und als ehemaliger Fremdenlegionär - hieß es in einschlägigen Kreisen - war er hart im Nehmen.
In der Community von Gegenhund.org wurde vermutet, dass er dem Dachverband direkt angehörte und möglicherweise sogar einer der Gründer war. Der Sitz von Agricom war streng geheim und nicht einmal Phillip Baumgartner bekannt.
Grünewalds Anwesenheit zeigte ihm, dass die Obrigen ihnen misstrauten. 'Nicht mit mir', dachte er grimmig und versuchte, sich seinen Groll nicht anmerken zu lassen. Er würde ihn im Auge behalten, nahm er sich vor.

Frank Grünewald war bereits fix und fertig zum Abmarsch. "Wann geht es los?", fragte er mit Ungeduld in seiner Stimme.

Phillip zog seinen Pager aus der Tasche und warf einen Blick auf die Uhr. "Wir warten auf Freitag", antwortete er und sah sich suchend um. Dieser hatte sich abgesetzt und lungerte irgendwo im Wald herum.
Die Wut kochte in Baumgartner hoch. Erst Gregor, und jetzt auch noch einer von seinen Neuen. Er ging zu Winnie: "Freitag ist weg." Er schaute auf sein Koordinaten-System und sah einen blinkenden Punkt. "Er muss hier irgendwo sein. Geh ihn suchen!", befahl er.

"Er ist in deinem Team", widersprach Winnie. Er packte seine Karte zusammen, nahm seine Nachtsichtbrille vom Tisch und erhob sich mit einem Blick zu seinem Teamkollegen. "Setz deine Brille auf und versuche schon mal, deine Augen an die Umstellung zu gewöhnen", riet er dem Grantler, ohne sich von Phillips Anwesenheit stören zu lassen. Dessen Gesicht verdüsterte sich. "Du gehst!", zischte er. "Nimm ihn mit." Damit deutete er auf Bernd.
Dieser antwortete: "Dein Ton lässt ganz schön zu wünschen übrig. Da fühlt man sich doch automatisch gut aufgehoben." Seine Stimme klang spöttisch, und in seinem Blick glomm etwas Gefährliches auf.
Winnie sah es und bekam plötzlich ein ganz anderes Bild von dem Mann. Er lenkte ein. "Lass gut sein!" So unauffällig wie möglich schaute er nach der Uhrzeit und beschloss, dass ihm der kleine Zwischenfall ganz gelegen kam. Er setzte sein Nachtsichtgerät auf und nickte knapp zu Bernd: "Komm mit!"
Entgegen Winnies Befürchtungen ließ sich dieser nicht lange bitten. Die Miene des Grantlers wirkte plötzlich entschlossen. Er erhob sich, setzte seine Nachtbrille auf, und kurz darauf verschwanden die beiden Männer im Wald.
Grünewald stand im Eingang der Blockhütte und beobachtete das Szenario. Während Winnies und Phillips Disput hatte er die Gunst der Stunde genutzt, um sich umzuschauen. Niemand hatte seinen Rückzug bemerkt.
Egon Triebentorf und Ralf Mischkowski hatten sich zu den beiden Streithähnen gesellt, jederzeit bereit, einzugreifen, falls die Situation eskalierte.
Die Anspannung zwischen den Männern war fast physisch greifbar, und Gewaltbereitschaft lag in der Luft. Die flackernden Fackeln warfen rötliche Schatten auf ihre Gesichter und ließen die grobkantigen Züge des Anführers fast dämonisch erscheinen. Baumgartner wurde allmählich zum Risiko, und genau deshalb war Grünewald hier.
Als Phillips Blick auf die Blockhütte fiel, drückte sich der große Mann weiter in deren Eingang hinein. Herabhängende Schlingpflanzen verbargen ihn fast ganz, wohingegen er aus seiner Position heraus alles sah.
Aus der Hütte hörte er ein leises Scharren. Vorsichtig um sich blickend betrat er den Raum und verschwand hinter der Tür. Mit zusammengekniffenen Augen starrte er in die Dunkelheit und versuchte, die Geräusche zu orten.
Scharfer Geruch von wilden Tieren drang in seine Nase, und aus einer Ecke vernahm er ein Grollen. Frank Grünewald drückte sich gegen die Wand und verschmolz mit der Schwärze im Raum. Adrenalin raste heiß durch seine Adern.
Undeutlich hörte er von draußen die Stimmen der Männer und Schritte, die an der Hütte vorbei über den Waldboden huschten. Er versuchte, sich zu konzentrieren und seine Angst zu unterdrücken.
Frank identifizierte die Stimmen von Kahlmann und Bieber, die sich halblaut über die Jagd unterhielten. Erleichtert atmete er auf, als sich deren Schritte entfernten. Offenbar waren sie auf der Suche nach Felix Freitag, von dem er vermutete, dass er sich irgendwo in den Büschen befand.

Plötzlich jedoch schrillte in seinem Inneren ein Alarmsignal. Eine Pestwolke schlich sich aufdringlich in seine Nase. Erneut vernahm er ein leises Knurren. Es steigerte sich zu einem Fauchen, und Angstschweiß rann ihm in Bächen über den Rücken.
Fieberhaft versuchte er, etwas zu erkennen und verfluchte den Umstand, weder Nachtsichtbrille noch Taschenlampe mitgenommen zu haben. Im Dachfirst der verfallenen Hütte hörte er panisches Flattern.
Automatisch folgten seine Augen der Quelle des Geräuschs, und er sah hinauf. Durch einen Spalt in der Decke mogelte sich ein Strahl des Mondes hindurch und tauchte die direkte Umgebung in silbernes Licht. Staubkörnchen flimmerten durch die Luft. Schwarze Schatten tummelten sich unter den Balken und taumelten mit zackigen Bewegungen in seine Richtung.
Mit schussbereitem Gewehr tastete er sich an der Wand entlang, zurück Richtung Tür. Blindlings griff er nach hinten und spürte das rostige Eisen der Klinke, da vernahm er ein Klicken. Zugleich kam ein infernales Kreischen auf ihn zu, und etwas Weiches landete auf seiner Brust. Scharfe Krallen drangen durch das dicke Leder und zogen blutige Risse von oben nach unten. Er spürte die Hitze des eigenen Bluts, das Brennen in seinem Fleisch.
Entsetzt keuchte er auf und griff reflexartig nach dem unsichtbaren Wesen. Seine Flinte hatte Frank Grünewald während des Angriffs verloren. So wehr- und hilflos hatte er sich zuletzt als Baby gefühlt.
Etwas Zartes und Filigranes streifte seine Stirn. Angeekelt ließ er das weiche Fleisch des Tieres mit einer Hand los und versuchte, sich von dem neuerlichen Hindernis zu befreien.
Die schreiende Kreatur krallte sich in seine linke Schulter und schlug nach seinem Gesicht. Heißer, stinkender Atem fuhr ihm wie ein Stich in die Nase. Grünewald würgte.
Glühendrote Augen funkelten ihn wütend in der Dunkelheit an, und spitze Zähne schlugen sich in seine Wange. Erneut griff er nach dem fauchenden Tier und grub seine Finger in dessen Nackenfell.
Gleichzeitig bekam er mit einer Hand die Türklinke zu fassen und drückte diese nach unten. Plötzlich wurde ihm siedendheiß klar, was das Klicken von vorhin bedeutet hatte: Jemand hatte ihn eingeschlossen.
Verzweifelt schüttelte er seinen Kopf und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. Ein Luftzug aus dem hinteren Teil der Hütte und ein Lichtschein lenkten ihn ab. Das Tier zappelte in seinen Händen, und mit einem weit ausholenden Schwung warf er es von sich weg.

Die Katze flitzte fauchend an zwei dunklen Ledergestalten vorbei und nützte die Gunst der Stunde zur Flucht.

Fortsetzung folgt
 

Alidona

Schüler der Zwerge
Währenddessen ...

Ungefähr zur gleichen Zeit, als Frank Grünewald die Hütte betrat, waren Winfried Kahlmann und Bernd Bieber bereits zwischen den Bäumen verschwunden. Gemeinsam passierten sie die Rückseite der Hütte und hielten sich an die Richtung, die ihnen Phillip gewiesen hatte.

Ein paar hundert Schritte vom Ausgangspunkt entfernt blieb Winnie stehen, schaute auf seinen Pager und versuchte, den genauen Standort von Felix Freitag zu orten. Die Mitglieder der Gruppe hatten jeweils eine andere Farbmarkierung im Koordinaten-System zugewiesen bekommen, so dass es zu keinen Verwechslungen kam.
Winnie orientierte sich an einem blinkenden Punkt. "Offenbar ist Freitag schon unterwegs zur Lichtung." Er zeigte Bernd Bieber das Koordinaten-System und wies auf eine gelbe Linie, auf der sich der Gesuchte vorwärtsbewegte.
"Wie's aussieht, hat er es ziemlich eilig", antwortete der Grantler und wirkte plötzlich normal. Seine vorherige Feindseligkeit Winfried Kahlmann gegenüber und seine etwas unbeholfen wirkende Art waren wie weggeblasen.
"Hmm", machte Winnie. "Ein bisschen zu schnell nach meinem Geschmack. Eingebauter Turbo, deucht's mich. Komm!" Er wies mit dem Kopf in die vermutete Richtung.
"Warte!" Bernd Bieber trat ganz nah an Winnie heran und senkte die Stimme. "Erst sollten wir Tacheles reden."

"Warum überrascht mich das nicht?" Der Jüngere griff nach seinem Arm und zog ihn noch ein Stück weiter hinein in den Wald. "Also schieß los."
Die beiden Männer bewegten sich lautlos über den moosigen Boden, wobei der Ältere die Führung übernahm. Bevor Bernd mit dem Sprechen ansetzte, zog er seine Brille hoch und schaltete den Pager aus. Winnie blieb stehen. "Du weißt, dass du mit dieser Aktion unsere Pläne gefährdest?"

"Baumgartner wird nicht viel Gelegenheit haben, das zu bemerken."

Misstrauisch sah Winfried Kahlmann ihn an. "Was war das für ein Lärm in der Hütte?"

Bernd zuckte gleichgültig mit den Schultern. "Tiere, was sonst?"

Winnie antwortete nicht darauf und ging weiter. "Also, was hast du mir zu sagen?", fragte er nach ein paar Schritten. Er entledigte sich ebenfalls seiner Nachtsichtbrille, holte eine Stabtaschenlampe hervor und leuchtete in Biebers Gesicht. "Du gehörst nicht zu denen, oder?" Dabei wies er mit seinem Kopf in Richtung Ausgangspunkt.

"Du vielleicht?" Der Gefragte wich dem Lichtstrahl aus und verzog verächtlich seine Miene. "Jedenfalls brauchst du dir um Freitag nicht mehr viel Sorgen machen. Komm!"
Er führte den Jüngeren in Richtung der Lichtung. Bevor Winnie sich jedoch nach rechts wenden konnte, um den vermeintlich Flüchtigen zu verfolgen, legte Bernd ihm eine Hand auf den Arm. "Nicht!" Er wies zu einer Höhle.
Winnie folgte der Bewegung und erstarrte. Die Geräusche des Waldes drangen plötzlich überdeutlich an seine Ohren, und all seine Sinne waren geschärft. Er spürte den lauen Wind auf seinem Gesicht, hörte sein Säuseln, erahnte jede kleinste Bewegung am Wegesrand.

Mit weit aufgerissenen Augen stierte er in die Finsternis und sah ein schwingendes Objekt an einem Baum rechterhand des Höhleneingangs. Ein mittelgroßer Mann trat daraus hervor und schubste den Körper zur Seite. Mit einem leichten Grinsen im Gesicht kam er zu ihnen herüber.

"Kleine Planänderung", kündigte er an und gab Winnie einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken. Dieser zuckte zusammen. Unfähig, den Neuankömmling anzublicken, starrte er auf den toten Leib, der von links nach rechts schwang und sich in der aufkommenden frischen Brise drehte, als handele es sich um ein grausiges Windspiel.
Über seinem Kopf brach der Mond durch die Äste der abgestorbenen Eiche. Die Sterne versteckten sich hinter dunkelbauchigen Wolken, und Wetterleuchten erhellte die endlosen Konturen des Himmels. 'Ein Gottesgericht', durchfuhr es Winfried Kahlmann wie ein leises Flüstern. Sein Hals war trocken, als befände er sich als Verdurstender auf einem Trip durch die Wüste.

Roboterhaft drehte er sein Haupt und zwang seinen Blick auf den Fremden. "Was ... geht hier vor?", ächzte er schwer.

"Neugierde ist der Katze Tod", antwortete dieser trocken. "Ist das nicht auch dein Lieblingsspruch? Er ist zu neugierig geworden."

"Ach, und deshalb musste er sterben?" Winnies Stimme klang beißend.

Das Gesicht des Gerügten verdüsterte sich. "Dein Chef musste auch sterben." Alle Wärme verschwand aus seinem Blick, als er fortfuhr: "Aber von uns war das niemand!"

Winnie hingegen ließ sich nicht beirren. "Und das soll ich glauben? Und Gregor? Was ist mit ihm?"

Ein süffisantes Lächeln spielte um die Lippen des Fremden. "Der ist auf Ibiza, schon vergessen?"

"Ja", fuhr Winfried Kahlmann voller Wut auf. "Und zugleich steht er mir gegenüber. Du reitest nicht nur dich in die Scheiße, sondern auch deine Frau, uns alle, mich, Mick. Um die Vollpfosten von Agricom ist es nicht schade, aber wir fahren da eine heiße Kiste. Und morgen wird nochmal im See nach deiner Leiche getaucht. Tolle Leistung, echt wahr!" Schaudernd wich er dem baumelnden Leichnam von Felix Freitag aus. "Und wie geht es jetzt weiter?", fragte er. "Willst du wieder zurück in die Bande ... GREEE-GOOOR?" Er zog die beiden Silben des Namens demonstrativ in die Länge und verbarg nicht den Spott in seiner Stimme. Mit diesem übertünchte er jedoch nur seine Angst.

"Gregor" schüttelte den Kopf. "Niemand weiß, wo ich bin, und das lässt mir mehr Handlungsfreiraum. Bernd wird weiterhin dein Mittelsmann sein, und ich haue für eine Weile ins Ausland ab. Vorher muss ich noch ein paar Dinge regeln. Wir bleiben jedoch auf jeden Fall in Kontakt." Er zog seine Nachtsichtbrille nach unten und löschte das Licht seiner Lampe. Mit einem letzten Winken verschmolz er mit den Schatten des Waldes und huschte lautlos davon.
Nachdenklich sah ihm Bernd hinterher, hielt sich jedoch mit Kommentaren zurück. Er machte sich Sorgen, ob Winfried Kahlmann ihren Plänen gewachsen war. Dessen Reaktion auf den Tod des Wilderers gefiel ihm nicht. Bieber hatte mit diesem Ergebnis gerechnet, und er wusste: Das war noch nicht alles. Sein Mitleid mit dem jungen Opfer hielt sich in Grenzen, er hatte genau das bekommen, was er verdiente. Und Freitag war gestorben, wie er lebte: Mit einer Hundeleine erhängt. So wie etliche seiner Opfer zuvor!

Fortsetzung folgt
 

Alidona

Schüler der Zwerge
Phillip Baumgartner wurde allmählich unruhig. Verärgert stupste er Egon. "Da stimmt etwas nicht." Er zeigte ihm, was er meinte. "Freitag ist abenteuerlustig geworden und schon auf dem Weg nach unten. Und Kahlmann ist noch immer hier irgendwo. Wo ist dann aber Bieber?" Dessen Markierung war aus dem Koordinaten-System verschwunden.
Geistesabwesend starrte der Angesprochene auf Phillips handtellergroßen Monitor. "Grünewald ist auch weg", machte er den Anführer auf dessen Fehlen aufmerksam. "Irgendetwas Seltsames geht hier vor."
Abgelenkt beobachtete er Ralf Mischkowski, der sich in der Nähe der Hütte herum drückte. Der Fitness-Trainer aus Landshut schien nach etwas zu lauschen, und instinktiv spitzte Egon ebenfalls seine Ohren. Alles, was er jedoch vernahm, war eine kreischende Katze. "Hei Mischko", rief er in Richtung Hütte, "bleib mal ein bisschen mehr in unserer Nähe. Wir wollen dich nicht auch noch suchen."

"Da ist jemand drin", brüllte dieser zurück. "Hörst du den Höllenlärm nicht?"

"Das sind doch nur Tiere. Ein paar rollige Katzen."

Mischkowski griff nach seinem Gewehr. "Ich mache ihnen den Garaus. Das Geschrei geht mir auf den Keks."

Phillip wurde auf die neue Situation aufmerksam. Er ging zu dem Jagdwütigen hinüber und griff fest in dessen Genick. "Nichts wirst du tun. Du vergeudest nur unsere Zeit."
Ralf zuckte zusammen. Angriffslustig drehte er sich zu Baumgartner um und fragte schneidend: "Wer sagt das?"

"Ich sage das!" Phillip wich keinen Zentimeter vor ihm zurück, als sich der Muskelprotz vor ihm aufbaute. Seelenruhig nahm er seine eigene Jagdwaffe von der Schulter und drückte Mischko den Lauf unters Kinn.

Dessen Augen begannen, ängstlich zu funkeln. "Das ... wirst du nicht tun." Unsicher blickte Ralf zu ihm auf.

"Hast du eine Ahnung, was wir nicht alles tun. Hier bin ich der Boss, und wer mitmachen will, hat das zu akzeptieren. Ansonsten: Wir brauchen dich nicht, und mit Ballast machen wir kurzen Prozess." Drohend blitzte Phillip den Ungehorsamen an und drückte den Gewehrlauf noch etwas fester in dessen Fleisch.
Egon kam zu ihnen herüber. "Phillip, wir haben ein ganz anderes Problem. Grünewald ist da drin." Um seine Behauptung zu untermauern, zeigte er ihm dessen Position auf seinem Pager. "Er ist ein Schnüffler."
Ohne zu zögern, drehte Baumgartner sein Gewehr um und briet Mischkowski den massiven Kolben über den Schädel. Dieser sackte bewusstlos zusammen. Entsetzt starrte Egon auf die sich bildende Blutlache am Boden. "Warum hast du das getan?"
"Frag nicht so dumm. Wir müssen uns um Grünewald kümmern, und dazu brauchen wir keine Zeugen." Phillip zog einen Schlüssel aus seiner Jackentasche, ging zum Eingang der Blockhütte und sperrte ab. Mit einer knappen Handbewegung winkte er Egon zu sich. "Komm! Wir haben nicht viel Zeit. Wenn Kahlmann und Bieber zurückkommen, wird's kompliziert."
Als er dessen Zögern bemerkte, fuhr er ihn an: "Für Empfindlichkeiten haben wir keine Zeit, und dazu ist es auch ein bisschen zu spät. Er ist nicht der Erste, den wir aus dem Weg räumen müssen, und er wird nicht der Letzte sein. Oder hast du Lust, die restliche Zeit deines Lebens im Knast zu verbringen?"
Egon Triebentorf riss sich zusammen und schloss sich Phillip Baumgartner an. "Du hast recht", raunte er und legte das Ohr an die Außenwand der Hütte. "Außer Katzengeschrei höre ich allerdings nichts. Vielleicht hat er ja auch nur seinen Pager verloren."

"Schauen wir nach! Die Zeichen stehen auf Sturm, und wenn unsere Obersten beschließen, uns fallen zu lassen, wissen wir das zu verhindern. Genau danach sieht's aus." Gemeinsam löschten sie die Fackeln auf dem Gelände und zogen ihre Nachtsichtbrillen nach unten. Phillip warf noch einen absichernden Blick zu Ralf Mischkowski hinüber, doch dieser lag noch immer bewusstlos am Boden. "Meinst du, dass er noch lebt?", fragte Egon.
"So fest habe ich nicht zugeschlagen. Er hat mich einfach genervt." Er legte den Finger an seine Lippen und bedeutete seinem Freund und Komplizen, von jetzt an zu schweigen. Gemeinsam bewegten sie sich an der linken Vorderseite der Blockhütte vorbei, umrundeten sie und lauschten auf deren Rückseite nach Geräuschen von innen.
Ein geächzter Fluch bestätigte Egons Vermutung. Leise öffneten die zwei Männer die Hintertür und traten ein. Erschrocken fuhren beide zurück, als ein graues Etwas knurrend an ihnen vorbei raste und hinter einer fauchenden Katze her im Wald verschwand.

Frank Grünewald blinzelte in den schwachen Lichtstrahl, der von draußen herein fiel, und versuchte, die Männer zu identifizieren. Phillip Baumgartner feixte. "Lässt du dir jetzt schon von Katzen den Schneid abkaufen?"
Unsicher trat der Verhöhnte in Richtung der Stimme. Bestialischer Gestank kroch aus einer verwinkelten Ecke der kleinen Hütte in seine Nase. Verschiedenste Sinneseindrücke - allesamt negativ - hinderten ihn daran, einen klaren Gedanken zu fassen.
Schwer atmend bewegte sich Frank Grünewald durch den kleinen Raum und hielt sich dabei mit dem Rücken zur Wand. Er hoffte, die Düsternis für sich nützen zu können, doch ein grausam klingendes Lachen machte diese Hoffnung zunichte. "Was wolltest du eigentlich hier drin?", fragte eine andere Stimme, von der er vermutete, dass sie zum zweiten Anführer der Organisation gehörte.

Schleichende Schritte kamen in seine Richtung. Ein leises Ratschen zerrte an seinen Nerven.
 

Alidona

Schüler der Zwerge
Er versuchte, zur Ruhe zu kommen, schaute angestrengt ins Dunkel und vermeinte, einen auf ihn gerichteten Gewehrlauf erkennen zu können. 'Was haben die beiden zu verbergen?', fragte er sich und huschte weiter, in die Richtung, wo Phillip und Egon hergekommen waren. Plötzlich fühlte er kaltes Eisen in seiner Bauchregion.
"Ende Gelände!", zischte der Eine, von dem er wusste, dass es der Anführer war. Dessen Gefährlichkeit hatte er schon längst erkannt, doch hatte Frank gedacht, damit umgehen zu können.
Eigentlich kam Kaltblütigkeit den Projekten von Agricom eher zugute, nun jedoch richtete sie sich gegen ihn. Warum? Weshalb fühlte sich Phillip Baumgartner durch seine Anwesenheit bedroht?
"Verrate mir mal, was mich hindern sollte, dir ein hübsches Loch in deinen Ranzen zu pusten." Die spöttische Stimme hallte überlaut in seinen Ohren. Frank überkam Wut. So einfach würde er es ihnen nicht machen. Er griff nach dem Gewehrlauf, der sich in seinen Bauch bohrte, und drückte dagegen. "Arbeitet Ihr auf eigene Rechnung?", klopfte er auf den Busch und unterdrückte die Panik, die in ihm aufstieg.

Phillip stieß die Flinte erneut in dessen muskulöses Bauchfleisch und spannte den Hahn. Nervös zuckte sein Finger am Abzug. "Kümmere dich um deinen eigenen Mist, dann lebst du wesentlich länger."
Schweiß trat auf Frank Grünewalds Stirn, als er das Klicken vernahm. Wie eine düstere Wolke spürte er dessen Entschlossenheit, alles, was den Machenschaften von Gegenhund.org in die Quere kam, aus dem Weg zu räumen.
"Tu dein Gewehr weg", forderte er. "Wenn du meinst, dass du damit durchkommst, hast du dich geschnitten."

Erleichtert atmete er auf, als er spürte, wie der Druck nachließ. Stattdessen fühlte er eine Faust im Gesicht. Seine Augenbraue platzte auf, und das Blut rann ihm in die Augen.
"Du Drecksau!", keuchte er. Seine Hände schnellten nach vorn und fanden Halt an Phillips Hals. Fest drückte er zu.

"Lass ihn los!" Bisher hatte sich Egon zurückgehalten, doch nun schritt er ein. Er nahm Phillip das Gewehr weg und warf es zur Seite. Dann versuchte er, Grünewalds Finger auseinanderzubiegen und seinen Freund freizubekommen.
Ein Knöchelknacken wurde begleitet von einem Schmerzensschrei. Nur einen kurzen Moment war Frank versucht, der konturenlosen Stimme vor ihm zu gehorchen. Er spürte das Pochen in seinem kleinen Finger, doch war er solche Situationen gewöhnt. Nicht umsonst hatte er Jahre bei den Fremdenlegionären verbracht.
Mit brachialer Gewalt grub er beide Daumen in Phillips Kehlkopf und hörte voller Genugtuung sein Röcheln. Adrenalin durchbrauste seine Adern. Er vergaß jeden Schmerz und konzentrierte sich auf seinen Gegner, der unter seinen Händen zu zucken begann.

"Hör ... auf", keuchte Phillip mit letzter Kraft und würgte gegen den Druck auf seinen Hals an. Mit beiden Händen umklammerte er die Oberarme seines Angreifers und versuchte, dessen unerbittlichen Würgegriff zu lösen.
Plötzlich erklang ein ohrenbetäubender Knall dicht neben Franks Ohren. Egon hatte auf ihn geschossen. Er war sich sicher, ihn auch getroffen zu haben und erwartete, ihn jeden Moment blutend zu Boden sinken zu sehen.
Als dies nicht geschah, entsicherte Egon erneut sein Gewehr und zog noch einmal ab. Diesmal hatte er gezielt Franks Stirn im Visier. 'Genau zwischen die Augen', mahnte er sich selbst zur Genauigkeit, doch auch dieser Schuss ging ins Leere.
Dennoch hatten seine beiden Aktionen den gewünschten Effekt. Frank Grünewald lockerte seinen Griff, und Phillip konnte sich aus seinen Fängen befreien. Er drehte dem Mann den Arm auf den Rücken und zischte ihm ins Ohr: "Das machst du nicht noch einmal mit mir."

Mit Schwung schubste er ihn gegen die Wand und hielt ihn dort rücklings gefangen. Mit einer Hand angelte er ein Jagdmesser aus seiner Hosentasche und setzte es Frank gegen die Kehle. Grünewald keuchte vor Angst.
"Phillip!" Egons heiserer Schrei hielt ihn zurück, sein mörderisches Vorhaben in die Tat umzusetzen. "Hör auf mit dem Mist, wir haben ganz andere Probleme."
Triebentorf kam auf ihn zu und zog ihn von Frank Grünewald weg. Verdattert drehte sich Phillip um und fragte: "Hast du 'nen Knall? Willst du das Messer im Ranzen?"
Mit einer wegwerfenden Handbewegung winkte Egon Triebentorf ab und sah ihn an. "Jemand hat unsere Gewehre manipuliert und die Munition ausgetauscht."
"Waaassss?", brüllte Phillip rasend vor Wut. "Das kann ja dann nur dieser Kahlmann gewesen sein. Er war ja schließlich für die Waffenausgabe verantwortlich."
Stellvertretend bekam Grünewald einmal mehr seine Faust ins Gesicht. Dieser wich zur Seite zurück und setzte einen gezielten Tritt in Phillips Lenden. Er krümmte sich.
Egon kam seinem Kumpel zu Hilfe, doch Frank war gewappnet. Er hatte den kurzen Moment genutzt und zauberte eine Drahtschlinge aus seiner Jacke. Wendig umkreiste er ihn und warf sie ihm über den Kopf. Dann wickelte er den Draht um beide Handgelenke und zog die Schlinge zu. Phillip sprang ihm mit voller Wucht in den Rücken und rammte ihm beide Fäuste in die Nieren.

Vage wurde ihm bewusst, dass etwas anders war. Von der Tür her drang grelles Licht, und zwischen die hasserfüllten Stimmen der kämpfenden Männer mischte sich ein wütender Schrei: "Was ist hier eigentlich los?"

Fortsetzung folgt
 

Alidona

Schüler der Zwerge
ich lese immer voller Spannung. Gut recherchiert. Hast du Journalismus studiert?
Weiter so! :)

@SunrisePhilipp1

Nein, bin Autodidakt. Alles, was ich heute über das Schreiben weiß, habe ich über Jahre hinweg im Austausch mit anderen Autoren gelernt, durch Recherchieren und nicht zuletzt durch analytisches Lesen meines Idols. Auch wie man Romane aufbaut, musste ich lernen. Von Perfektion bin ich trotzdem weit weg, weil ich immer mal wieder was in meinen Manuskripten finde, was mir nicht gefällt.

Das Thema, das der vorliegende Roman aufgreift, liegt mir am Herzen. Und ehrlich gesagt: Der Tierdetektiv und seine Frau verfechten mein Ideal. Der Roman entstand, als ich die Hetzseite "Gegenhund.org" entdeckt und das mit Trans-Lynx mitgekriegt habe. Eigentlich wollte ich das Projekt mit dem Roman unterstützen, aber dazu bin ich nicht bekannt genug.
 
Zuletzt bearbeitet:

Alidona

Schüler der Zwerge
;)

Am alten Schauplatz ...


Ralf Mischkowski kam allmählich wieder zu sich. Rings um ihn herum war es dunkel, die Fackeln waren gelöscht. Stöhnend versuchte er, sich zu orientieren, und wälzte sich halb auf den Bauch. Dann machte er einen Katzenbuckel und stemmte seine Knie in die weiche Erde, im Versuch, sich zu erheben.
Es blieb bei einem Versuch! Die Nacht begann sich um ihn zu drehen. Riesengroß flackerten Schlieren vor seinen Augen, und kein einziger Trip, den er in seinem Leben schon geschmissen hatte, kam diesem gleich.
Ächzend sank er mit der Stirn voraus auf den Waldboden und schrie leise auf, als er den Schmerz auf seiner Kopfwunde spürte. Diese war mittlerweile verkrustet und spannte, als ob jemand seinen Schädel mit Beton überzogen hätte. Aus den Augenwinkeln nahm er eine gedrungene Gestalt neben sich wahr. Der Mann bückte sich zu ihm herunter, leuchtete ihm mit einer Taschenlampe direkt ins Gesicht und fragte leise: "Alles in Ordnung?"
Ralf stöhnte gequält. "Mach die Funzel aus. Mir hat - glaube ich - jemand was über den Schädel gehauen. Wenn ich nur wüsste, wer!"

Mühselig versuchte er, sich zu erinnern. Zugleich nahm er Kampfgeräusche im Hintergrund wahr. Offenbar kamen sie aus der Hütte. "So habe ich mir das nicht vorgestellt", sagte er zu seinem Helfer und setzte sich auf. Er betrachtete den Mann und ordnete ihn ein. "Bernd heißt du, oder? Kannst du mir vielleicht sagen, was hier los ist? Mein Kopf tut weh!"
"Wie es aussieht, hauen sich da drinnen ein paar gegenseitig die Köpfe ein. Ich muss auch gleich wieder los, mein Kumpel ist allein auf weiter Flur. Habe dich nur am Boden liegen gesehen und dachte, ich schaue mal nach."
"Na ja, jedenfalls lebe ich noch. Es wird gleich wieder gehen, und dann mische ich mit." Mittlerweile kam die Erinnerung zurück, und die Galle kochte in ihm. "Ich habe mit Baumgartner noch ein riesiges Hühnchen zu rupfen."

"Na dann! Der ist da drin und hat mit seinem sauberen Freund zusammen einen am Wickel."

Bernd half Mischko auf. Mit wackligen Knien wankte Ralf hinüber zur Bank und setzte sich stöhnend hin. "Hast du Wasser dabei? Mein Mund klebt wie Uhu." Der Gefragte nestelte an seinem Gürtel und machte eine Feldflasche ab. Mit besorgter Miene reichte er sie weiter und lauschte mit halbem Ohr hinüber zur Hütte.

Ein entsetzter Schrei machte den Männern Beine. Wie von der Tarantel gestochen schoss Ralf hoch. "Um Gottes Willen, was war das denn?"

"Komm!" Bernd Bieber hastete den Weg zurück, ohne sich davon zu vergewissern, ob Mischkowski ihm folgte. So gut es ging, bahnte er sich seinen Weg durch dichtes Gestrüpp.
Ralf Mischkowski stand auf und folgte dem Lichtkegel, den Bernd hinterließ. Die beiden Männer kamen fast zeitgleich auf der Rückseite an, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie Egon Triebentorf reglos zu Boden sank.
Phillip Baumgartner starrte fassungslos auf den Körper seines Freundes hinab. Er hatte es nicht mehr geschafft, ihn zu retten. Nun lag er da mit bleichem Gesicht, die Augen nach oben gedreht, die Lippen blau angelaufen.
Ein Frösteln lief dem abgebrühten Wilderer über den Rücken. Vergessen war Winfried Kahlmann, der ihnen ein Ei ins Nest gelegt hatte. Vergessen war auch der Täter, vergessen die Tatsache, dass sie diesen selbst umbringen wollten, weil er eventuell etwas hätte finden können, was er nicht sollte. ... 'Egon ist tot', soviel war ihm klar. Die Drahtschlinge schnitt grausam in dessen Hals, und mit weit aufgerissenen Augen starrte Triebentorf hinaus in die staubige Dämmerung, die im Inneren der Hütte die letzten Lichtfäden schluckte. Silhouetten verschwammen vor seinen Augen.
Unterdessen zeigte Frank Grünewald sein wahres Gesicht und würdigte sein Opfer keines Blickes. Knurrend nahm er Winfried Kahlmann an der Tür ins Visier und sah undeutlich eine Waffe auf sich gerichtet. "Keinen Schritt weiter", warnte ihn Winnie. "Du hast genug Mist gebaut."

Bernd Bieber und Ralf Mischkowski sahen einander an. "Wie kommen wir an ihn heran?", fragte der Jüngere leise. Sie standen nebeneinander im Türrahmen und beobachteten entsetzt die Szene vor ihnen. Es bedurfte nicht sehr viel Spürsinn, um zu erraten, dass Triebentorf tot war.

"Einer von links, einer von rechts", empfahl der Grantler und zog Ralf aus Grünewalds Blickfeld. "Wie ich Winfried Kahlmann einschätze, wird er gescheit genug sein, um ihn abzulenken." Er zog zwei Bündel Kabelbinder aus seiner Jackentasche und gab seinem Begleiter eins davon. "Damit fesseln wir ihm erst einmal die Hände zusammen."

Mit wildem Blick drehte Phillip sich um und starrte den beiden Männern entgegen.

Bernd duckte sich in den Schatten und hieß ihn mit einer Geste, zu schweigen. Währenddessen bewegte sich Ralf an die andere Seite des schmalen Raums und drückte sich an Kahlmann vorbei. "Lenk Grünewald ab", raunte er ihm mit zusammengebissenen Zähnen ins Ohr.

Winnie reagierte prompt, hielt diesen weiter mit seiner Waffe in Schach und wich ein paar Schritte zurück. Nachdem er sah, dass Ralf und Bernd auf der Höhe des Killers waren, nahm er seine Taschenlampe vom Sims und warf sie in dessen Richtung. Wie ein leuchtender Komet sauste sie durch den halbdunklen Raum und traf Frank an der Stirn. Das Licht erlosch.
Ein zischender Zornlaut kam aus Grünewalds Mund. Währenddessen war Phillip Baumgartner zumindest so weit wieder bei sich, dass er den Sinn von Kahlmanns Aktionen erkannte. Er umklammerte den verdutzten Mann mit beiden Armen und fasste nach dessen Händen.

Bernd Bieber und Ralf Mischkowski kamen Phillip zu Hilfe. Binnen Sekunden war Frank mit Kabelbindern gefesselt und lag bäuchlings neben dem Toten am Boden.
Baumgartner rastete aus. Mit seinen schweren Motorradstiefeln trat er immer wieder in die Nierengegend des Gefesselten und brüllte dabei: "Du Drecksau hast meinen Freund umgebracht!"
Frank Grünewald schrie voller Schmerzen. Mit vereinten Kräften zogen Ralf, Winnie und Bernd den Berserker von seinem Opfer weg und schafften ihn nach draußen ins Freie. Als Phillip sich wieder losreißen wollte, banden sie auch ihm Hände und Füße zusammen.

Mit einer gewissen Genugtuung warf Winnie den Fluchenden zu Boden. "Werd' mal wieder normal", fuhr er ihn an. "Das mit Egon war noch nicht alles."
Phillip verstummte und glotzte diesen aus seiner sitzenden Position heraus an wie ein Kalb. Die drei Männer umringten ihn in gewissem Sicherheitsabstand.
Negative Spannung lag in der Luft, und Winnie fuhr fort: "Felix ist ebenfalls tot. Und was ist mit Tamara?"

"Tamara?" Verwirrt wiederholte Phillip den Namen seiner Geliebten und pustete sich eine nassgeschwitzte Strähne aus der Stirn. "Und was ist mit Freitag?"
Er versuchte, das soeben Gehörte zu verdauen. Seine Gedanken ratterten wie eine wildgewordene Schreibmaschine durch sein Gehirn und brachten nichts als abgehackte Fragmente zustande. Irritiert suchte er einen Zusammenhang.
Winnie half ihm auf die Sprünge: "Der ursprüngliche Plan war, dass wir uns in der Hütte organisieren, und sie wartet unten auf uns. Hattest du das nicht so gesagt?"
"Ja ... ja, ich weiß ..." Phillip lehnte seinen Kopf gegen die Hüttenwand. Ihn übermannte ein Brechreiz, und er versuchte, ihn zu unterdrücken. Tief atmete er durch, sah in den leuchtenden Nachthimmel hinauf und zählte die Sekunden zwischen Donner und Blitz. Er fragte sich, wieviel Zeit schon verstrichen sei und kam zu der Erkenntnis: Viel zu viel Zeit. War die seine auch bald vorbei?

Es war ihm, als ob dem so sei, und all seine Schandtaten wurden ihm plötzlich bewusst.

Mit hilflosem Blick sah Phillip in Winnies angespanntes Gesicht. "Sie ist bestimmt schon nach Hause gegangen. Wir haben viel zu lange gebummelt." Er versuchte, Zuversicht in seine Stimme zu legen.
"Da wäre ich mir nicht so sicher an deiner Stelle." Winnie dachte an den Anblick von Felix und Egon, und plötzlich sorgte er sich auch um Tamara. 'Ich hoffe, es ist nicht so, wie es aussieht', sinnierte er, während er aus der geöffneten Hüttentür Frank Grünewalds Stöhnen vernahm.

Das brachte ihn wieder zu sich. "Wir müssen die Polizei rufen", sagte er laut zu den Umstehenden. Phillip verzog das Gesicht, während Ralf beipflichtend nickte.
Bernd trat neben Winnie und fasste ihn am Arm. "Wir müssen reden!" Mit einem Blick zu dem gefesselten Bandenanführer zog er Kahlmann mit sich und verschwand mit ihm um die Ecke.

"Das können wir nicht machen", setzte er an. "Jedenfalls nicht jetzt sofort."

"Wir können es aber auch nicht verschweigen", antwortete Winnie. "Ich habe ja mit vielem gerechnet, was heute nacht noch passiert, aber das ...", er stockte aufgewühlt, "das ist mir eine Hausnummer zu groß. Und damit meine ich jetzt nicht einmal Egon, sondern vor Allem die Nummer mit Felix. Ein paar dumme Streiche und jemanden umbringen - das sind für mich zwei Paar Stiefel."
Kreidebleich starrte er Bernd Bieber an. Er hatte die Aktion am Höllensteinsee mitgemacht, doch nur gezwungenermaßen, und auch nur, weil er damit gerechnet hatte, dass Jürgen Mantwied seine Chance schon bekäme. Den Luchs ins Wasser zu werfen, hatte ihm mehr Skrupel beschert als die Vorstellung, dass etwas schief gehen könne.

Fortsetzung folgt
 

Alidona

Schüler der Zwerge
"Eine dumme Frage, Winfried ...", Bernd verschränkte die Arme und sah ihn offen an, "schätzt du deinen Chef so ein, dass er einen Mord arrangiert oder begeht?"
"Ich weiß es nicht." Winnie zuckte die Schultern. "Jedenfalls sieht es danach aus. Vorstellen kann ich mir vieles."

Verzweifelte Schreie unterbrachen das Gespräch der Männer und zwangen die beiden, zu handeln. Gemeinsam stürzten sie um die Ecke, gerade rechtzeitig, um zu sehen, was dort geschah. Geistesgegenwärtig zog Winnie seinen arglosen Begleiter zurück und presste ihn gegen die Wand.
Zwei von Kopf bis Fuß vermummte Gestalten trugen den zappelnden Phillip ins Innere der Blockhütte hinein. Kurz darauf kamen sie in Begleitung von Frank Grünewald wieder heraus. Die drei wirkten vertraut, und es sah nicht so aus, als sei er in Gefahr.

Murmelnd sah sich der Größere um. Er schien etwas zu suchen.

Mit klopfendem Herzen zuckte Winnie zurück, als dessen Blick in seine Richtung fiel. Hinter ihm im Gebüsch raschelte etwas, doch er war wie gebannt von den eiskalten Augen hinter der schwarzen Maske. Im wolkenverhangenen Mondlicht glitzerten sie wie Anthrazith.

Als der Mann sich abwandte, atmete Winnie erleichtert auf. Er wusste nicht, was mit Phillip geschah, doch seine Schreie gellten in seinen Ohren. "Wir sollten ihm helfen", flüsterte er leise in Bernd Biebers Richtung und fuhr erschrocken herum, als er eine große Hand in seinem Rücken spürte. Ralf Mischkowski stand hinter ihm, legte den Zeigefinger auf seine Lippen und duckte sich zwischen die Büsche. Auffordernd winkte er mit dem Kopf, doch die beiden Männer sahen ihn verständnislos an.
Bernd war der Erste, der kapierte, was Ralf von ihnen wollte. "Chancenlos", zischte er zwischen den Zähnen hindurch. "Wir sollten abhauen."

Winnie weigerte sich, Mischko hingegen zögerte nicht. "Die sind zu viert", warnte er. "Einer ist noch in der Hütte. Phillip kann eh keiner mehr helfen." Kaum hatte er ausgesprochen, und es quoll Rauch zwischen den Stammelementen der Blockhütte hervor. Die Wand wurde heiß. Entsetzt wich Winnie von der Hütte zurück, spähte noch einmal ums Eck und sah, wie Frank mit Feuer hantierte. Ätzender Benzingeruch drang an seine Nase.
Grünewald hielt einen Molotow-Cocktail in seiner Hand. Ein vierter Mann - ebenfalls vermummt - kam aus der Hütte heraus und nickte auffordernd in seine Richtung. Die Unheimlichen traten ein paar Meter zurück, und die Flasche flog mit brennender Lunte in die Hütte hinein.

Binnen Sekunden begannen die Wände zu glühen. Aus Phillips Angstschreien wurde unmenschliches Gekreische. Bernd war wie gelähmt, doch Ralf stieß ihn ins Gebüsch. "Komm!", schrie er Winnie anschließend an. "Die ganze Scheiße fliegt uns gleich um die Ohren."

Es war ihm egal, ob die Männer ihn hörten. Fassungslos warf er einen Blick in Kahlmanns Richtung, der sich von dem Anblick nicht losreißen konnte. Als die ersten Flammen zwischen den Ritzen herausleckten, sprang er auf ihn zu und schlug ihm ins Gesicht.

"Komm endlich!" Ralf griff nach seinem Arm und versuchte, ihn mit Gewalt wegzuziehen, doch Winnie stemmte sich ihm entgegen und strebte in Richtung Eingang. Er ließ ihn los und rannte mit dem Anderen zum Waldrand hinüber. Sie verbargen sich hinter einer Baumgruppe und beobachteten, wie Winnie hinter der Hütte verschwand.

Voller Sorge hielt Bernd die Luft an. "Der Junge ist verrückt geworden!"

Ralf nickte wortlos, und plötzlich brach er in Tränen aus. Er nickte noch einmal, schlug die Hände vor sein Gesicht und lehnte sich haltsuchend an einen Baum. "Die Nacht der Toten", brach es dumpf aus ihm heraus. "Und noch einer stirbt."
Das Knistern der Flammen vermischte sich mit dem Grollen des Himmels und wurde von kleinen Explosionen begleitet. Phillips Schreie waren verstummt.
Angelegentlich schauten Bieber und Mischko einander an. "Ein schrecklicher Tod", sagte Bernd trocken.

Die Hitze strahlte bis zu ihnen herüber, und ihre Lederkleidung klebte ihnen am Leib. Ralf verfluchte den Tag, an dem er sich zum Mitmachen entschieden hatte. Es war die größte Dummheit seines Lebens gewesen.
Entschlossen straffte er seinen Körper. "Ich sehe nach. Und wenn es das Letzte ist, was ich heute tue." Die Anwesenheit einer Killergang blendete Mischkowski aus.
"Mach keinen Mist", riet ihm der Grantler und deutete auf die brennende Hütte. "Die Flammen greifen in Sekundenschnelle um sich. Ich glaube nicht, dass du für Kahlmann noch etwas tun kannst." Ralf starrte zu den brennenden Bäumen hinüber und verfluchte sich selbst dafür, dass er den jungen Mann nicht hatte abhalten können. Einen Moment lang sah es so aus, als würde er auf Bernd Bieber hören, doch dann lief er los, in die Richtung, in die Winnie gelaufen war.
'Diese Nacht werde ich nie mehr im Leben vergessen', sinnierte Bernd voller Entsetzen und starrte blicklos in das glühende Dunkel. Wäre er gläubig, dann würde er beten, doch er hatte seinen Glauben schon lange verloren.
Eine heiße Wolke kam auf ihn zu, und er wich ein paar Schritte nach hinten aus. Sein Verstand riet ihm, zu fliehen. Der ältere Mann blieb jedoch stehen. Plötzlich haderte er mit sich selbst. 'Ich sehe nicht zu, wie der letzte in sein Verderben rennt.'
"Ralf!" Bernd schrie, so laut wie noch nie in seinem Leben zuvor. Fast wie von selbst bewegten sich seine Beine, und er rannte auf die lodernde Feuerhölle zu.
Von der Hütte selbst war nicht mehr viel übrig. Rauch verdeckte die Sicht. Schemenhaft sah er den muskulösen Körper seines Begleiters zwischen drei brennenden Bäumen verschwinden und wandte sich in dieselbe Richtung.

Als ihm zwei Männer in den Weg traten, schreckte er zusammen, als wäre er dem Teufel persönlich begegnet. Mit angstgeweiteten Augen versuchte er, zu erkennen, wer vor ihm stand und atmete erleichtert auf, als er Winnies Stimme vernahm: "Ralf ist in Sicherheit. Wir haben ihn zur Lichtung hinunter geschickt."
Der Andere legte einen Arm um Bernd Biebers Schulter. "Komm! Wir hauen auch ab." ... Er erkannte Micks Stimme.

Fortsetzung folgt
 
Oben