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Das Tintenfässchen

Vendor

Barbarischer Raptor
Eigentlich hätte ich ja was anderes zu tun, aber alle sind draußen in der Sonne, wie langweilig.
 

Damion

Kluger Baumeister
Diese Tüten sind aus Zucker

In den Niederlanden findet man diese kompostierbaren Verpackungen aus Bioplastik in vielen Supermärkten. In Deutschland nicht - wegen aberwitziger bürokratischer Hürden.

Von Michaela Haas

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Das Problem: Allein in Deutschland produzieren wir 14 Millionen Tonnen Plastik-Verpackungen pro Jahr, die teils in Hunderten von Jahren noch nicht verrottet sein werden.
Die Lösung: Kompostierbare Verpackungen aus Zucker. Das funktioniert - nur die deutsche Bürokratie macht nicht mit.

Die Haferflockenpackung, das Schälchen mit Frikadellen, die Tüten mit Linsen und Kichererbsen - das alles sieht in der Supermarktkette Ekoplaza in Holland auch nicht viel anders aus als in jedem anderen Laden. Man muss genau hinsehen (oder dran riechen), dann fallen Unterschiede auf. Der kleine, aufgedruckte Keimling bedeutet: Die Packung darf in den Biomüll. Die Verpackung ist nämlich nicht aus normalem Plastik, sondern kompostierbar. Sie ist zu 100 Prozent aus Zucker und Milchsäure gemacht. Bei Ekoplaza gibt es ganze Regalgänge, die komplett plastikfrei sind.

Klar, es gibt kaum etwas Besseres als Plastik: billig, vielseitig verwendbar und hält ewig. Deshalb produzieren wir Menschen mehr als 250 Millionen Tonnen davon im Jahr und haben nun ein gigantisches Problem. Denn Plastik ist überall: auf dem Boden der tiefsten Weltmeere, in unseren Müllgruben, an Straßenrändern, in unseren Körpern. Dass wir mit Plastik nicht so verschwenderisch umgehen können wie bisher, ist wohl jedem klar. Aber wie ginge es besser?

Patrick Gerritsen, der Geschäftsführer der deutsch-holländischen Firma Bio4Pack, beschäftigt sich seit 18 Jahren mit Bioverpackungen. Die Bio-Schälchen für die Frikadellen produziert er schon lange, die dünnen, transparenten Folien, die reißfest und undurchlässig sein müssen, stellen eine viel größere Herausforderung dar. Dafür nimmt er Zuckerrohr als Basis und Zellulose vom Holz. >> Die Schale kann fast jeder machen, die Siegelfolie ist ein Problem, weil sie dünn, durchsichtig und kompostierbar sein, aber trotzdem fest versiegeln muss.<<

Vereinfacht ausgedrückt mischt er Zucker, also Dextrose, mit Milchsäure, die dafür sorgt, dass das Material haltbar wird. Durch Fermentation und Polymerisation bekommt er den Rohstoff, den er in verschiedene Formen pressen kann. Dann tüftelte er mit einem Team verschiedener Entwickler noch eine Weile an der Farbe für die grasgrünen Schalen: Die Naturpigmente dürfen bestimmte Schwermetallgrenzen nicht überschreiten, um noch als Bioabfall zu gelten.

Aber nun, da er die Formel raus hat, ist die Produktion ihm zufolge ganz einfach: Er nutzt bei Bio4Pack die gleichen Maschinen wie für konventionelle Plastikprodukte, füttert sie allerdings mit anderem Rohmaterial. An einem Tag werden dort Verpackungen aus Petroleum-Plastik hergestellt, am nächsten Tag aus Zucker. >> 80 Prozent unserer Verpackungen können wir auf Bio umstellen <<, schätzt Gerritsen. Nur mit Vakuumverpackungen kämpft er noch, und bei Nahrungsmitten, die heiß abgefüllt werden, kommt die Technik noch nicht mit: Das Bioplastik schmilzt aber verformt sich bei 45 Grad.

Man kann durchaus kritisieren, dass ein Nahrungsmittel verwendet wird, um diese Art von Bioplastik zu produzieren. Gerritsen gibt den Kritikern Recht, wendet aber ein:>> Wir holen den Zucker aus der Maisstärke, das ist eigentlich Tierfutter und für Menschen nicht genießbar. Davon nehmen wir 35 Prozent raus, der Rest geht zurück ins Tierfutter.<< Und für die Folien aus Zuckerrohr? >>Zuckerrohr ist ein essbares Produkt, wächst aber sehr schnell. Für Bioplastik werden europaweit genau 0,0002 Prozent der Ackerfläche engesetzt.<<


Das Problem beim Bioplastik: Der Begriff ist nicht klar definiert

Biokunststoffe aus organischem Material wie Zucker, Stärke oder Zellulose schienen mal die Lösung für alle Plastikprobleme und sind ein heiß umkämpfter Markt, mit zweistelligen Wachstumsraten auf der ganzen Welt. Aber dann stellte sich schnell heraus, dass vieles nur Greenwashing ist - für die Herstellung braucht man viel Chemie, Unmengen Wasser oder muss die natürlichen Stoffe mit Weichmachern gefügig machen. Das ist nämlich das Problem beim Bioplastik: Der Begriff ist nicht klar definiert. So gut viele Ideen sind - nicht alles, wo Bio draufsteht, ist auch verträglich für die Umwelt, und Bioplastik heißt nicht automatisch, dass es biologisch abbaubar ist.

Bei Gerritsen ist das Ergebnis kompostierbar und verursacht in der Herstellung etwa die Hälfte weniger CO2 als Petroleumplastik. Einfach auf den Komposthaufen im Garten werfen könnte man Gerritsens Bioplastik zwar nicht, in industriellen Kompostieranlagen werden aber durchaus die entsprechenden Temperaturen erreicht, bei denen sich das Bioplastik zersetzt. >>Irgendwo muss man ja anfangen<<, sagt Gerritsen. >>Wenn die Flugzeugbauer gewartet hätten, bis perfekte Flughäfen da sind, wäre nie ein Flugzeug gestartet.<<

So weit so gut. Die eigentlichen Tücken liegen hier woanders: Gerritsens Firma hat ihren Sitz im deutschen Nordhorn, aber die Verpackungen gehen nur an Supermärkte in Holland. Ekoplaza versucht, aus jeder Produktreihe mindestens ein Produkt ökologisch zu verpacken. 350 Produkte in Zuckerverpackung gibt es schon, in 74 Filialen. Ekoplaza zahlt die Extrakosten. Unter Gerritsens holländischen Abnehmern sind sogar große Ketten wie Aldi Süd oder Lidl, die Filialen in vielen deutschen Städten haben. Aber in deutschen Supermärkten? Fehlanzeige.

Der Grund: Die deutsche Verpackungsverordnung lässt Bioplastik nicht in die Biotonne. >>Kompostanlagen werden nach Quantität bezahlt, nicht nach Qualität<<, kritisiert Gerritsen. >>Das komplette Kompostierungsprogramm ist falsch.<< Das kompostieren von Bioplastik dauert etwa zwölf Wochen und damit fast doppelt solang wie bei anderem organischen Abfall. Da könne er die deutschen Kompostierer schon verstehen, >>die sagen: die Zeit haben wir nicht. Die Kompostierer haben auch Angst, dass sich herkömmlicher Plastik mit reinmischt, weil es optisch nicht zu unterscheiden ist.<< Die Holländer dagegen kompostieren ohnehin länger. >>Die Leute müssen wissen, dass Recycling und Kompostierung im Augenblick in Deutschland nicht funktionieren. Die Recycling-Industrie ist ein Witz. Maximal 20 Prozent aus dem gelben Sack wird recycelt, europaweit. Der Rest kommt in die Müllverbrennung.<<

Die Deutschen halten sich für Recycling -Weltmeister, tatsächlich liegt die realistische Recyclingquote in Deutschland bei etwa 30 bis 40 Prozent. Gerritsen hofft auf die neue deutsche Verpackungsverordnung, die sich am 1.Januar 2019 ändern wird und eine mindestens doppelt so hohe Recyclingquote anstrebt. >>Dann werden auch biobasierte Produkte belohnt. Da denke ich, dass in Deutschland einiges passieren wird.<<

Er kritisiert aber auch grundsätzlich: >>Leider hat jedes Land seine eigene Regulierung und auch ein eigenes Preisniveau. In Deutschland liegen die Preise für Produkte im Keller.<< Die Schalen, die er aus Reis herstellt, sind fast so billig wie Plastik, aber die Verpackung aus Zucker ist etwa drei Mal teurer. >>Wenn man das durchrechnet, sind das etwa drei bis vier Cent pro Verpackung.<< Kaum vorstellbar, dass man nicht etliche Konsumenten finden würde, die zu dieser Zusatzausgabe bereit wären. Dass das Plastik dann nicht im Meer landet, ist ohnehin unbezahlbar.
 
Zuletzt bearbeitet:

Lapedus

Blüte
Die Geschichte die ich nun schreibe ist wirklich passiert - aber nicht in Europa sondern in den USA.

Ein bekannter und prominenter Rechtsanwalt in den USA hat sich eine Kiste sehr teurer Zigarren aus Kuba gekauft. Danach liess er die Kiste bei einer grossen Versicherung gegen Feuerverlust versichern. Die Versicherung hat die Kiste gegen Feuerverlust versichert. Im Laufe der Zeit hat er alle Zigarren aufgeraucht, und meldete bei der Versicherung den Verlust der Zigarren durch Feuer (was ja auch stimmte). Die Versicherung lehnte natürlich die Zahlung der Entschädigung ab, mit der Begründung dass ja die Zigarren ihrer eigentlichen Bestimmung entsprechend geraucht wurden. Daraufhin reichte der Anwalt eine Schadensersatzklage beim zuständigen Gericht ein. Es kam zur Verhandlung - und der zuständige Richter fand die Einstellung des Anwalts unverschämt ja sogar im höchsten Mass unakzeptabel. Aber er hat sich an die Gesetze zu halten - und die sagen eindeutig, dass der Anwalt im Recht ist. Denn die Versicherung hätte wissen müssen wofür eine Kiste Zigarren verwendet wird (nämlich zum rauchen). Und die Versicherung hätte ablehnen können.

Es kommt wie es kommen musste - die Versicherung muss den Schadensersatz leisten, und ausserdem die teuren Gerichtskosten bezahlen.

Aber die Versicherung liess nicht locker und suchte einen Grund das Urteil zu revidieren. ----- Dann hatte ein Syndikus der Versicherung die rettende Idee: Die Versicherung zeigte den Anwalt bei den Justizbehörden wegen vorsätzlicher Brandstiftung an. Daraufhin ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen den Anwalt wegen mutwillig herbeigeführte Brandstiftung mit offenem Feuer. Es kam zu einer Verhandlung bei der der Anwalt zu einer Haftstrafe von 6 Jahren verurteilt wurde. Danach verklagte die Versicherung zivilrechtlich den Anwalt auf Schadensersatz für den entstandenen finanziellen Verlust. Und bekam Recht.

Und was sagt uns die Geschichte? --- Rauchen ist nicht gesund - und kann richtig teuer werden !!
 

Vendor

Barbarischer Raptor
Dann dürfen die Amerikaner auch keine Kerzen mehr anzünden. Grillen, ganze schlecht....
Die Dimension dieser Geschichte kann man noch gar nicht abschätzen.:p
 

Alidona

Inspirierender Mediator
Passend zu Halloween: Eine Ballade

Das Herz des Eisgottes

In später Dämmerung des Tages streift er um die Häuser,
sein langer Mantel ist schwarz und mit Reif umsäumt.
Mit feinem Silber ist das Haupt des Eisgottes umkränzt,
es scheinen zu Ewigem Eis erstarrte Todesweben zu sein

Das Licht der Laternen scheint die Nacht dunkler zu machen
glutrote Augen funkeln aus schneeweißer Fratze heraus
Wo immer seine Klauenhand die Blätter der Bäume streift,
erlischt sämtlich* Leben in den uralten Zeugen der Ewigkeit

Jeglicher Laut um die todbringende Kreatur verstummt voller Grauen
selbst der Herbststurm wagt nicht, sein Brüllen erklingen zu lassen
das Licht erlöscht in Häusern, darin die verlorenen Seelen der Stadt
Oh wehe, waget auch nicht nur einen einzigen Laut, keinen Hauch!

Die Seele des Eisgottes scheint indes lange schon verloren zu sein
Doch siehe: Trügt im düsteren Licht der grausigen Wahrheit Schein?
Schimmern nicht auf des Todes rissigen Antlitz gar eisige Tränen?
Die Nacht legt sich schwarz über die Stadt, die Illussion schwindet.

Und doch möge man hoffen für diesen gar grausig kalten Gesell,
dass auch in seiner Brust gleichwohl eine gefrorene Seele ruht.
Die Ernte der Frucht steht vor ängstlich geschlossenem Portal
auch der Eisgott muss der Mission folgen, Seelen zu ernten,

In den Domizilen der Stadt wagt es niemand, zu schlafen
voller Furcht erwarten die verlorenen Seelen sein Pochen
Stunde um Stunde schreitet nun der Todesgesell dahin
und erntet die Seelen, die ihm zu gebühren scheinen.

Jene Todesnacht neigt sich schließlich dem Ende zu
der Himmel reißt auf und bringt das Leben zurück
Auf einem Sonnenstrahl reitet ein Mädchen einher
zärtlich streift sie des Eisgottes weiße Wange

Das in aller Schönheit erstrahlende Sternlein
übergibt jener Kreatur einen goldenen Kelch
prunkendes Licht fließt über deren Gestalt
und siehe: In Gold scheint er nun gehüllt

Er wendet ihr voller Trauer sein Antlitz zu
seine Augen leuchten in unsterblicher Liebe
Mit Todesklauen greift er sich an die Brust
das Licht weicht von ihm, Eis schmilzt dahin

Sein Panzer weicht des Lebens Übermacht
der Mantel fällt, ein entstellter Leib bleibt
kohlenschwarz nun, greift er in sich hinein
reißt ein gar eisig Herz aus ihm heraus,

Das Sternenmädchen küsst seine Wange
Tränen aus Eis rinnen wie Bäche dahin
Huldigend bietet er mit starren Fingern
des Eisgottes liebend Herz jener dar.

Ewigkeiten schon lieben sie einander
Licht und Schatten, Leben und Tod
Beide sind in Verdammnis geboren
Ihre Liebe ohne Erfüllung verloren.

Wann immer indes Leben und Tod einander begegnen
erwacht die unendliche Liebe in zwei lebenden Seelen
Auch Schuld und Sühne finden Gnade vor unserem Herrn
So dass selbst Leben und Tod in Liebe Erfüllung finden


© Sina Katzlach

c'est moi ;)
 

Vendor

Barbarischer Raptor
Es gibt leider nur Englisch mit Französischen Untertiteln, ich finde es aber trotzdem ganz unterhaltend, irgendwie.
 

Alidona

Inspirierender Mediator
Ein Märchen:

Das magische Kartenhaus

Der Abend brach an. Traurig starrte der kleine Bob in den Himmel und sehnte sich dies herbei, was die Menschheit schon seit Tagen in den Nachrichten angekündigt bekam: einen Meteoriten-Regen. Er war bereit, bis zum St. Nimmerleinstag dort auf einem niedrigen Ast in einem alten Kastanienbaum zu sitzen und auf die hoffnungsvoll erwünschten Traumboten zu warten. Niemand – so dachte Bob – bräuchte sie so notwendig wie er. Sieben Jahre war er nun alt. Doch sah man in seine dunklen Augen, könnte manch einer meinen, er sei schon steinalt. Sehr viel Elend hatten sie bereits erblickt, der Tod hatte ihm alles genommen, was für einen kleinen Jungen notwendig war. Er hatte seine Eltern schon sehr früh verloren.

Erst war da eine Dürre, die über sein Herkunftsland gekommen war, die Hunger mitbrachte und Not. Seine Mutter war die Erste, die das Opfer ihres Lebens erbrachte, um die Gier der unbarmherzigen Sonne zu stillen. Mit Geschwüren am Leib, erloschenem Blick und aufgeschwollenem Antlitz hatte man sie gefunden – in der letzten Ecke der kleinen Strohhütte, die Bob mit ihr, dem Vater und sechs abgemagerten Ziegen teilte. Der Vater begrub sie hinter einem verdorrten Strauch, im steinigen glutheißen Sand hinter dem Haus. Danach versuchte er alles, um seinen kleinen Jungen am Leben zu halten, gab all seine Kraft, um Nahrung für ihn zu beschaffen. Es schien, als sollte ihm dies auch gelingen. Zu guter Letzt blieb ihm nichts Anderes mehr, als die geliebten Ziegen zu schlachten. Es gab keine Möglichkeit, dem Jungen den Anblick der toten Tiere zu ersparen, und später dann bedurfte es all seiner Überredungskunst, um den vierjährigen Bob zur Nahrungsaufnahme zu überreden. Doch schließlich hatte er ihn und sich selbst vor dem sicheren Hungertod bewahrt, und sie erhofften sehnsüchtig die Zeit des Großen Regens, der auch diese Dürreperiode beenden und die Täler in fruchtbare Erde verwandeln sollte. Schwer hing der Himmel am Horizont voll mit Wolken, doch sie klammerten sich regelrecht fest. Jeden Morgen, bevor Bobs Vater seinen Jungen nahm und mit ihm kilometerweit lief, um Nahrung und Wasser zu finden, schaute er besorgt in die Ferne und flehte den Himmel an, die Wolken doch näher kommen zu lassen. Doch es dauerte noch eine gefühlte Ewigkeit, bis es soweit war. Schließlich wurden sie über Nacht vom Großen Regen überrascht – und mit ihm kam die Sintflut. Binnen Sekunden verwandelte sich der sandige, rissige Boden in Schlamm, und schließlich war das Land überflutet. Viele Stammes-Angehörige Bobs ließen ihr Leben, darunter war auch sein Vater. Fortan war ein kleiner Junge allein. Er rettete sich, indem er vor der reißenden Flut davon laufen konnte. Schreiend rannte er in eine nahe gelegene Missionars-Siedlung, wo man sich seiner annahm. Späterhin nahm ihn ein Priester mit nach Deutschland – und dort kam er in ein Waisenhaus. Dort lehrte man ihn eine fremde Sprache, die er nicht verstand, zeigte ihm Bräuche, die er nicht teilte und zwang ihn zu Gebeten, die sein Herz nicht heilten. Alles war Bob so neu und so fremd, und er war ohne Eltern.

So gingen die folgenden Jahre dahin. Ein kleiner Junge mit braunen Locken und dunklen Augen, die Haut so dunkel wie Kuvertüre, fristete in seinem kleinen Zimmer sein Dasein. Noch immer weigerte er sich, das letzte Stück seiner Heimat verloren zu geben und die Sprache der fremden Menschen zu sprechen. Alles, was ihm Freude bereitete, hatte er von einer wohlmeinenden Nonne bekommen: Es war ein Kartenspiel, und sie zeigte ihm, was er damit anfangen konnte. So saß er Stunde um Stunde ganz allein an einem kleinen Kindertisch und begann, Kartenhäuser zu bauen. Eines Tages war das Haus voller Aufruhr: Freudige Kinderstimmen im Flur schienen ein Ereignis anzukündigen, das ihren tristen Alltag beenden sollte. Neugierig verließ er sein Zimmer und mischte sich unter seine Altersgenossen. Auch wenn er selbst ihre Sprache nicht teilen wollte, so verstand er doch jedes Wort. Längst schon war ihm die Bedeutung von Sternschnuppen bekannt, dass sich Wünsche erfüllten, wenn man sie sah.

Und nun saß er in seinem Baum und wartete darauf, dass sich die Ankündigung erfüllte. Es wurde dunkler und dunkler. In der Ferne vernahm er seinen Namen, wie man ihn rief, wie man ihn suchte, doch es kümmerte ihn nicht. Er würde nicht weichen, bis er eine einzige Sternschnuppe sähe, die ihm seine Eltern zurückbringen würde. In seinen Händen hielt er sein Kartenspiel und drehte es gedankenabwesend, den Blick zum Himmel gerichtet, hin und her. Er begann, die Karten zu mischen, wie er es sich lange schon angewöhnt hatte, damit er seine Hände beschäftigen konnte. Es tat ihm gut. Noch immer war es nicht Nacht. Bob wusste, dass er die Sterne erst sähe, wenn es ganz dunkel war. Die Zeit strich dahin, und er begann sich zu langweilen. Schließlich glitt er von seinem Ast und setzte sich auf den Rasen unter dem Baum. Dort legte er das Kartenspiel vor sich hin und begann, etwas zu bauen: Ein Kartenhaus. Etage um Etage wuchs es in die Höhe, und er baute sich sein eigenes Schloss. Von zweiunddreißig Karten dürfte längst keine mehr übrig geblieben sein, doch noch immer hielt er Karten in seinen Händen. Ruhig baute er sein Haus in die kommende Nacht – und wartete auf seinen Stern. Seine Lieblingskarten waren Bube, Dame und König, dies war seine Familie – symbolisch für Vater, Mutter und Kind. Er hatte die drei Karten beiseite gelegt – und endlich war es soweit: Die Sterne erschienen am Himmel. Sein Stern hingegen blieb aus.

Irgendwann wurde Bob müde. So sehr er sich dagegen wehrte, zu schlafen: Es war ihm unmöglich, die Augen offen zu halten. Er schlief ein, in seinem Herzen den Traum von den Eltern, die zu ihm kamen und ihn zu sich holen würden. Zusammengekauert lag er auf dem Rasen, in seinen Händen die drei geliebten Karten. Während er schlief, glitten sie ihm zu Boden und lagen da mit dem Bildnis des Königs, der Dame und des Bubes nach oben. Die Stunden strichen dahin. In tiefster Nacht wachte Bob auf und schaute verwirrt um sich. Er lag auf dem Dach eines riesigen Hauses aus Karten und schaute hinauf in den Himmel. Links und rechts von ihm bildeten die Bilder Dame und König die Wand. Eine Sternschnuppe fiel, und Bob erinnerte sich an seinen sehnlichsten Wunsch: bei Vater und Mutter zu sein. Leise sprach er ihn aus. Als Antwort hörte er den Ruf seines Namens, der aus den Tiefen seines Kartenhauses zu kommen schien. Er fühlte eine zarte Hand an seiner Wange zur Linken, und einen starken Arm um seine Schulter zur Rechten. Da wusste er: Er war wieder daheim.

Als am anderen Morgen die Kinder aus dem Waisenhaus um den Kastanienbaum liefen, fanden sie nur noch … ein Kartenhaus. Es waren gewöhnliche Karten, seltsam war nur: Die Spitze bildeten Dame und König, und die Tragfläche der Spitze war der Bube. Die drei Karten zeigten Gesichter mit dunkler Haut.

© Sina Katzlach